Fazit

Fazit

Über das Ende der eingangs erwähnten Übergangszeit vom Buch zum E-Book konnte Sascha Lobo 2011 in Anbetracht vieler ineinander verzopfter Faktoren1 vorerst keine Angaben machen. Die gewonnenen Erkenntnisse aus der Analyse und der Kritik verlegerischer Herstellungsaktivitäten im Hinblick auf digitale Publikationen im deutschsprachigen Raum geben auch nach mehr als fünf Jahren Anlass zur Sorge, dass diese Übergangszeit noch lange andauern wird.

Ausgehend von strukturellen Abhängigkeiten einzelner Systemkomponenten untereinander herrschen starke Interdependenzen innerhalb des E-Book-Systems. Je später eine Komponente dabei zum Einsatz kommt, desto maßgeblicher relevant ist sie unter den gegenwärtigen Voraussetzungen für ihre Vorgänger. Aus diesem Grund mangelt es insbesondere Verlagen an Einflussmöglichkeiten, weil die Beschaffenheit des eigentlichen Inhalts an chronologisch erster Stelle in hohem Maße von späteren Komponenten manipuliert und dadurch an das hierarchische Ende des Systems degradiert wird. Dieser Status hemmt die Progression digitaler Publikationen deutschsprachiger Publikumsverlage nicht nur, er blockiert die Optimierung verlegerischer E-Book-Herstellung wie vermutet trotz vielversprechenden Potenzials gänzlich.

Monopolähnliche Strukturen in Deutschland verstärken das Machtgefälle unter den jeweiligen Systemakteuren. Amazon und Tolino kontrollieren allein vier Fünftel des Marktes und positionieren sich im Sinne eines proprietären Ökosystems nicht nur als Software- und Hardwarehersteller sondern auch als Marktplatzanbieter für den Vertrieb von E-Books. Sie okkupieren damit die Komponenten Datei, Software und Hardware, diktieren den Publikumsverlagen mit Blick auf mangelhafte Leseanwendungen sowie unzureichende Endgeräte veraltete Dateiformate und verhindern dadurch die technisch und typografisch zeitgemäße Ausgestaltung digitaler Publikationen. Die Formatfrage avanciert folglich zum Dreh- und Angelpunkt einer komplexen, systembedingten Problematik, die indirekt auch organisatorische und ästhetische Aspekte der E-Book-Herstellung tangiert. In Anbetracht dieser Umstände bleibt Publikumsverlagen im Hinblick auf die eigenen Umsatzzahlen auch langfristig lediglich die alternativlose Wahl des geringeren Übels.

Ein interdependentes Verhältnis ist im Nachhinein auch in den unterschiedlichen Aspekten verlegerischer E-Book-Herstellung innerhalb der Publikumsverlage erkennbar: Das Format hemmt die gestalterische Differenzierung und Entfaltung digitaler Publikationen; Unerfüllte ästhetische Ansprüche und typografische Ideale senken den herstellerischen Anspruch; Die E-Book-Skepsis und Digitalisierungsangst einer gesamten Branche blockieren die Umstrukturierung der Prozessabläufe hin zu einer medienneutralen Produktion. Diese multikausale Kette, deren Elemente erweiterbar sind und auch in variierender Reihenfolge zu einem vergleichbaren Ergebnis führen, resultiert in einem ambivalenten Verhältnis deutschsprachiger Publikumsverlage gegenüber den eigenen digitalen Publikationen und bestärkt sie mutmaßlich in der Produktion gedruckter Bücher: Seine Gestaltung ist freier, sein Verkauf lukrativer und seine Vertriebsstrukturen überschaubarer. Verlage arrangieren sich darüber hinaus mit der eigenen, systembedingten Nebenrolle, die in Bezug auf digitale Publikationen Passivität und Machtlosigkeit bedeutet.

Angesichts dieser doppelten Interdependenz innerhalb des E-Book-Systems einerseits und den verlagsinternen Produktionsbereichen anderseits beschränken sich die Optimierungsmöglichkeiten der Hersteller deutschsprachiger Publikumsverlage auf die Bekämpfung der Symptome, nicht aber auf die Überwindung der Ursachen. Lediglich die verlagsinternen Optimierungsmaßnahmen zugunsten effizienterer Arbeitsprozesse im Bereich des Workflows oder die Etablierung der Produkt- beziehungsweise Formatentwicklungs- sowie der Technologiekompetenz in den eigenen Verlagsreihen sind unabhängig von der späteren Publikation durchaus erstrebenswert.

Darüber hinaus bleibt die Suche nach wirklich innovativen, weitreichenden Antworten auf die zentrale Fragestellung dieser Arbeit allerdings unbeantwortet. Die formulierten Optimierungsansätze, wie etwa umfangreichere Unternehmenskommunikation oder individuell ausgehandelte Schriftverträge mit Foundries, sind im Ansatz zwar sinnvoll und richtig, in ihrer Summe beziehungsweise im Hinblick auf messbare, positive Veränderungen der E-Book-Herstellung im Sinne eines zufriedenstellenden Endproduktes dennoch unzureichend und daher unbefriedigend – zu starr ist das System. Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Sofern im verlegerischen Konzept eines deutschsprachigen Publikumsverlags digitale Publikationen inbegriffen sind, die aus einer effizienten Produktion entstehen und ästhetischen Ansprüchen genügen, kommen E-Books als Medium im geschlossenen Dateiformat derzeit keinesfalls in Frage.

Die theoretisch unternommenen Versuche, der systembedingten Machtlosigkeit dennoch zu entrinnen und die erzwungene Passivität deutschsprachiger Publikumsverlage nichtsdestotrotz durch aktive Mitgestaltung zu ersetzen, sprengen zwangsläufig das E-Book-System unter den gegenwärtigen Bedingungen als Forschungsgegenstand und liegen damit bedauerlicherweise in einem Beobachtungsfeld außerhalb des selbst definierten Rahmens dieser Arbeit. Die essentielle Aufgabe auf der Grundlage der formulierten Ergebnisse besteht unter den geänderten Bedingungen schließlich darin, vergleichbare Formate zu entwickeln, in der die Herstellung digitaler Publikationen mit fixem, bisweilen linearen Inhalt für Publikumsverlage in einem weniger systemisch interdependenten Abhängigkeitsverhältnis erfolgt – ein Vorhaben, das für die vorliegende Arbeit ursprünglich nicht vorgesehen war.

Die vielversprechendsten Maßnahmen zur Optimierung der Herstellung setzen auf struktureller Ebene an der Schwachstelle des E-Book-Systems an: Das Konzept der Books in Browsers löst schlichtweg die Formatfrage. Der Inhalt ist nicht mehr in Form eines geschlossenen Dateiformats existent, sondern als Brook auf einer Microsite; An die Stelle der Datei rücken die Komponenten Format und Plattform, die im Idealfall geschickter Strategie ebenfalls von Publikumsverlagen kontrolliert werden; Übliche Browser ersetzen die proprietäre Software. Im Grunde werden alle systemischen und monopolbedingten Interdependenzen zwischen den einzelnen Komponenten gekappt. Daraufhin schwindet der Einfluss der Software- und Hardwarehersteller auf den Inhalt und verschiebt sich zugunsten der Publikumsverlage in Form größerer typografischer Gestaltungsfreiheit, beispielsweise durch die Umsetzung der Responsive Typography.

Der technische Unterbau bleibt dabei unverändert, schließlich basieren E-Books bereits jetzt auf jenen webkompatiblen Technologien, die auch für Brooks erforderlich sind. HTML5, CSS3 und JavaScript [werden] in Zukunft eine tragende Rolle bei der Herstellung von (…) digitalen Publikationen spielen2, immerhin wachsen durch die Reduktion systembedingter Hürden technische Möglichkeiten im Bereich des digitalen Publizierens. Insofern besteht an der Notwendigkeit einer medienneutralen Produktion in Kombination mit semantischer Textauszeichnung und der parallelen Herstellung beider beziehungsweise aller Publikationsformate zum wiederholten Male keinerlei Zweifel, zumal sie größtmögliche Flexibilität und Anpassungsfähigkeit hinsichtlich zukünftiger Publikationsformen und -formate garantiert.

Bei der Umsetzung eines solchen Konzeptes der Books in Browsers gelangen Hersteller aufgrund der Aktualität und der Tragweite eines solchen Projektes jedoch schnell an die Grenzen ihrer Kompetenzen, immerhin liegt die Entscheidungsgewalt über strategische Optimierungsmaßnahmen und konzeptionelle Umstrukturierungen derartigen Ausmaßes weit außerhalb der Herstellungsabteilung. Darüber hinaus bedarf es einer Einbettung des Vorgehens in ein umfangreiches Digitalkonzept zur selbstbewussten Positionierung des jeweiligen Publikumsverlages im sich stetig wandelnden Buchmarkt: Beispielsweise die Auswirkungen der während des Schreibprozesses bekannt gewordenen Übernahme des Tolino-Projekts durch den japanische E-Commerce-Konzern Rakuten bleiben noch abzuwarten.3 Außerdem sind alternative Modelle gegenüber der vermeintlich obligatorischen Linearität belletristischer Texte langfristig unbedingt Bestandteil einer zukunftsorientierten Ausrichtung, schließlich wachsen mit den technischen Möglichkeiten auch die konzeptionellen Erwartungen an verlegerische Publikationen. Deutschsprachige Publikumsverlage müssen diese Herausforderungen als mittelfristig essentielle und ausschließlich im Kollektiv aller Produktionsbereiche zu bewältigende Aufgabe begreifen.

Wenngleich die vorliegende Arbeit wie beschrieben inhaltlich-thematische Ungenauigkeiten aufweist, so ist die methodische Vorgehensweise rückblickend positiv zu bewerten. Insbesondere die Ergebnisse aus der eigens konzipierten sowie durchgeführten Umfrage und die Erkenntnisse aus den ausgesprochen hilfreichen Experteninterviews sind ebenso aufschlussreich wie elementar für die Relevanz der Beobachtungen sowie die Effektivität der Analyse. Sie spiegeln in besonderen Maße jene Hintergründe, die aufgrund ihrer Aktualität oder ihrer Brisanz bisher nicht in der Literatur abgebildet sind. Die Erwartungen an diese Arbeit, deutschsprachige Publikumsverlage bei der Beurteilung aktueller Gegebenheiten sowie der zukünftigen, konzeptionellen Ausrichtung zu unterstützen, können ruhigen Gewissens als erfüllt betrachtet werden. Nun liegt es an ihnen die kritische und tiefgründige Auseinandersetzung mit dem E-Book-System zu beherzigen, Digitalkonzept und verlegerisches Handeln zu überdenken und gegebenenfalls im Sinne einer Optimierung anzupassen.

Das nach wie vor positive Feedback der Dozenten, die Begeisterung für die Umfrage seitens der Hersteller und vor allem die Ermutigung der Interviewexperten bestätigen ein weitreichendes Interesse an dieser brisanten Thematik, in der eine fundierte Diskussion über spezifische Themenbereiche wie beispielsweise technische Möglichkeiten oder typografische Ideale notwendiger ist als die ewig gestrige Debatte darüber, ob ein Buch eigentlich doch besser ist zum Lesen oder ein E-Book schädigend für die gesamte Verlagsbranche. In diesem Sinne sind weiterführende Fragestellungen im Zusammenhang mit digitalen Publikationen deutschsprachiger Publikumsverlage natürlich ebenso essentiell und ihre Beantwortung wünschenswert: Ist die Zeit des E-Books damit schon vorbei? Welchen Anforderungen muss eine webbasierte Leseapplikation für Brooks überhaupt genügen? Wie sehen postlineare, digitale Publikationen eigentlich aus? Kommen Autoren langfristig doch nicht ohne Kenntnisse in semantischer Textmarkierung aus?

In einem anderen, nicht weniger spannenden Feld, das die Grenzen der angewandten Literaturwissenschaft überschreitet, sind bedeutende Fragen ebenso weitgehend ungeklärt. Warum sich die Mitglieder einer Branche, deren erheblicher Anteil in der Bearbeitung von Text besteht, schlanken und so weit wie möglich automatisierten Prozessen verschließen und in erlernten Reaktionen flüchten, den mindestens anspruchsvollen Herausforderungen mit Skepsis zu begegnen – das ist eine Frage mit offensichtlicher psychologischer Komponente, die dringend jemand mit entsprechendem Fachwissen untersuchen sollte, schließlich hängt daran auch die Bereitschaft zur Planung und Umsetzung eines so aufwendigen Projekts, wie dem der Books in Browsers.


  1. Lobo: Allgemeine Feststellung zur Buchsituation. ↩︎
  2. Apel: E-Books mit InDesign CC. ↩︎
  3. Vgl. Haupt, Johannes 2017: Kobo vor Übernahme von Tolino. https://www.lesen.net/ebook-news/kobo-vor-uebernahme-von-tolino-35350/ ↩︎

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