Einleitung

Einleitung

Bereits 2011 diagnostizierte Sascha Lobo einen besorgniserregenden Zustand der Verlagsbranche in Anbetracht einer Übergangszeit vom Buch zum E-Book: Sämtliche Verlage seien nicht für die bevorstehende Transformation gerüstet und leugnen zudem die digitale Realität, obwohl der Befund längst feststehe – am Ende gewinnt das Ebook.1 Mehr als fünf Jahre später dauert die beschriebene Übergangsphase offenbar noch immer an, schließlich beträgt der prognostizierte Anteil des E-Books am gesamten Branchenumsatz in Deutschland 2017 lediglich knapp 15%.2 Von einem Sieg des E-Books über das Buch kann hierzulande also bislang keine Rede sein.

Verantwortlich für den geringen E-Book-Umsatz sind neben anderen Akteuren und Faktoren innerhalb des Buchmarktes mutmaßlich auch die Verlage selbst. Kathrin Passig zufolge haben diese erhebliche Schwierigkeiten mit der zunehmenden Digitalisierung verlegerischer Publikationen einerseits, aber auch mit den weitgehend elektronisch gestützten Prozessen anderseits: Die für mich als Autorin sichtbaren Arbeitsprozesse in den mir bekannten Verlagen sind auf dem Stand der frühen 90er Jahre.3 Zudem erschwert die Suche nach einem technisch geeigneten E-Book-Format die gesamte Produktion ebenso wie die fortwährend polemisch geführte Diskussion um die Ästhetik von E-Books die Akzeptanz digitalisierter Belletristik verringert.4 E-Books haben einen miserablen Ruf, weil sie technisch und ästhetisch ungenügend sind – und umgekehrt! Wie viel schöner könnten E-Books sein, wenn es einen regelmäßigen Austausch über typografische Ideale und technische Möglichkeiten gäbe?5

Offensichtlich kranken digitale Verlagspublikationen, insbesondere E-Books an gravierenden qualitativen Defiziten in mehreren Bereichen, die allesamt die verlegerische Produktion betreffen. In der Herstellung von E-Books besteht mutmaßlich ein erhebliches Optimierungspotential zum einen bezüglich der internen Arbeitsprozesse und zum anderen hinsichtlich der technisch bedingten Formatwahl sowie der typografischen beziehungsweise ästhetischen Gestaltungsmöglichkeiten. Den Gegenstand der vorliegenden Arbeit bildet entsprechend ebendiese Herstellung von E-Books in deutschsprachigen Publikumsverlagen mit dem Schwerpunkt auf Belletristik als umsatzstärkste und damit relevanteste Warengruppe im deutschen Buchmarkt.6 Die zentrale Fragestellung lautet: Welche Maßnahmen zur Optimierung der E-Book-Herstellung können deutschsprachigen Publikumsverlagen empfohlen werden?

Die drei Themenbereiche Arbeitsprozess (Workflow), Format und Typografie ermöglichen die Analyse der E-Book-Herstellung unter organisatorischen, technischen und ästhetischen Aspekten: Die internen Arbeitsprozesse beschreiben den Workflow vom Manuskript bis zum E-Book sowie die zur Produktion verwendeten Programme, wobei auch Synergien mit der Herstellung gedruckter Bücher berücksichtigt werden; Der technische Aspekt der E-Book-Herstellung beinhaltet vorrangig die Formatfrage, immerhin stehen verschiedene sowohl standardisierte als auch proprietäre Formate mit unterschiedlichen Funktionen, aber auch Hindernissen bezüglich der verwendeten Endgeräte zur Auswahl; Typografische Ideale für das Lesen am Bildschirm müssen im Unterschied zum Lesen auf Papier zunächst ermittelt werden und sind einerseits wegen der hohen Ansprüche an Leseschriften generell und anderseits aufgrund variierender Bedingungen von großer Bedeutung.

Aus Mangel an aktuellen Informationen über die Verlagsherstellung von E-Books beinhaltet die Bearbeitung des Themas auch die eigenständige Durchführung einer Umfrage unter Herstellerinnen und Herstellern7 deutschsprachiger Publikumsverlage. Die erfassten Daten dienen als wichtige Informationsquelle für diese Arbeit und bieten unmittelbaren Einblick in die drei Teilbereiche verlegerischer E-Book-Herstellung. Gleichwohl hält die ermittelte Statistik aufgrund der amateurhaften Durchführung und der geringen Grundgesamtheit der Umfrage methodischen, empirischen und repräsentativen Ansprüchen nicht stand. Ihre Erkenntnisse sind dennoch von hohem Wert für eine lösungsorientierte Kritik an der E-Book-Herstellung der Verlage und bilden die deskriptive Grundlage der späteren Analyse gemeinsam mit zwei themenspezifischen Einführungen: Dem fehleranfälligen Begriff des E-Books mangelt es an einer fundierten Definition; Zudem bedarf es eines Überblicks über die Herstellung beziehungsweise deren Abteilung innerhalb des Verlags in Anlehnung an die Fragen, was die Buchproduktion von der Herstellung von E-Books unterscheidet und ob diese überhaupt zu den Kernkompetenzen eines Verlags gehört.

Die themenspezifischen Aspekte der E-Book-Herstellung werden im Hauptteil hintereinander und nach demselben Grundprinzip analysiert: Ein kurzer Überblick über das theoretische Hintergrundwissen aus der Forschungsliteratur ist weiteren Erkenntnissen aus der Umfrage aus organisatorischer, technischer und typografischer Perspektive vorangestellt; Unter der Zuhilfenahme von Expertenmeinungen auf der Grundlage eigens geführter Interviews zur Absicherung differenzierter Diagnosen folgt eine Analyse und Kritik zur Beantwortung der Frage, wie die E-Book-Herstellung in deutschsprachigen Publikumsverlagen vor dem Hintergrund interner und externer Faktoren zu bewerten ist. Im Hinblick auf die spätere Definition und Erläuterung praktikabler Optimierungsmaßnahmen ist dieser Teil wesentlich, offenbart er doch die Diskrepanz zwischen dem Ist- und dem Sollzustand verlegerischen Publizierens am Beispiel des E-Books. Jedes der drei Hauptkapitel Workflow, Format und Typografie beinhaltet folglich dieselben Unterkapitel Hintergrund, Umfrage, Kritik und Optimierung. In einer späteren Zusammenfassung als Teil des Fazits werden die Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsprozesse, der Formatwahl und der Typografie auch auf etwaige Interdependenzen inspiziert und hinsichtlich ihrer Umsetzung überprüft.

Mitnichten beinhaltet das Fazit dieser Arbeit Urteile über einzelne Prozessabläufe, Format- oder Schriftwahlen. Im Spektrum einer sich durch die Digitalisierung grundsätzlich, wenn auch langsam wandelnden Verlagsbranche liegt das Augenmerk vielmehr auf einem konstruktiven Beitrag in Form von Überlegungen und Vorschlägen, die für Publikumsverlage mittel- und langfristig von Bedeutung sind und sich der Frage widmen, wie diese den zukünftigen Herausforderungen in der Herstellung digitaler Publikationen entgegentreten können. Der folgende Diskurs ist von der Auffassung motiviert, dass die nötigen Veränderungen zur Optimierung der E-Book-Herstellung keineswegs die Kompetenzen und Mittel der Verlage übersteigen, wenngleich diese selbst ebendieses mutmaßen. Veränderungen im Zuge der Digitalisierung zu identifizieren und auf der Grundlage möglichst umfangreicher Informationen Optimierungen und gegebenenfalls Umstrukturierungen auch über die Grenzen der Herstellung von E-Books hinweg zu empfehlen – das ist der Anspruch dieser Arbeit.

Zwei Überzeugungen sind darüber hinaus für das Verständnis der folgenden Überlegungen elementar: Verlage sind erstens keine Papier- oder Buchverkäufer und waren es nie. Ihr Produkt sind Ideen, ihr Gegenstand sind Texte – durch welches Medium diese ihr Ziel erreichen, bleibt dem Wunsch des Rezipienten und nicht etwa den Vorstellungen des Produzenten überlassen; Das digitale Publizieren von E-Books – zu dem sich der Großteil deutschsprachiger Verlage offensichtlich entschieden hat – bedarf zweitens einer fachlichen Auseinandersetzung mit einem jungen Thema, dessen fester Bestandteil der Wandel ist. Zu strategischen Überlegungen gehört entsprechend stets die optimierende Adaption, ebenso wie die Einbettung diesbezüglichen verlegerischen Handelns in ein umfassendes, ganzheitliches Digitalkonzept.


  1. Vgl. Lobo, Sascha 2011: Allgemeine Feststellungen zur Buchsituation. http://saschalobo.com/2011/10/25/allgemeine-feststellungen-zur-buchsituation/ ↩︎
  2. Vgl. PwC 2016: Umsätze im Buchmarkt in Deutschland in den Jahren 2011 bis 2020 (in Millionen Euro). https://de.statista.com/statistik/daten/studie/12554/umfrage/umsatzentwicklung-im-buchmarkt-seit-2003/ ↩︎
  3. Passig, Kathrin 2016: „Alles handschriftlich und auf Papier“ – Lektoren lieben’s analog. http://www.pubiz.de/home/redaktionlektorat/redaktionlektorat_artikel/datum/2016/04/28/alles-handschriftlich-und-auf-papier-lektoren-liebens-analog.htm ↩︎
  4. Vgl. Forssman, Friedrich 2014: Warum es Arno Schmidts Texte nicht als E-Book gibt. http://www.logbuch-suhrkamp.de/friedrich-forssman/warum-es-arno-schmidts-texte-nicht-als-e-book-gibt/ ↩︎
  5. Frohmann, Christiane 2014: Dies ist keine Polemik. Eine neue Version von ‘Dies ist kein Hipstergelalle’. http://frohmann.orbanism.com/post/76223274596 ↩︎
  6. Vgl. PwC 2015: Umsatz auf dem deutschen Buchmarkt in den Jahren 2005 bis 2014 und Prognose bis 2019 nach Segmenten (in Millionen Euro). https://de.statista.com/statistik/daten/studie/164550/umfrage/prognostizierter-umsatz-auf-dem-buchmarkt-in-deutschland-seit-2005/ ↩︎
  7. Im weiteren Verlauf wird auf gendergerechte Sprache verzichtet. Der Autor weist ausdrücklich darauf hin, dass mit dem verwendeten generischen Maskulinum selbstverständlich alle Geschlechter gemeint sind. ↩︎

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