Frank Rausch

Frank Rausch

Interview am 15.10.2016

Sind die auf E-Readern und in den Leseumgebungen derzeit verwendeten Schriften für die digitale Nutzung optimiert? Sind die zum Teil sehr alten Schriften mit neuen Entwürfen an die Bildschirmnutzung angepasst?

Es gibt einige Klassiker, die für die Verwendung auf E-Readern aufwendig optimiert wurden (zum Beispiel soweit ich weiß alle Schriften auf dem Kindle – bis auf Bookerly, was ja eine von Dalton Maag neu entwickelte Schrift ist). Allerdings bedeutet eine Optimierung des Renderings nicht unbedingt, dass die jeweilige Schrift auch ideal lesbar ist (siehe unten).

Bei hochauflösenden Bildschirmen („Retina-Bildschirmen“) gibt es kaum andere Lesbarkeitskriterien als für Papier. Für niedrig aufgelöste Bildschirme ist es günstig, auf zeitgenössische Schriften zurückzugreifen, die für die Lesbarkeit in niedrigen Auflösungen konzipiert und optimiert wurden.

Bei „Bildschirmnutzung“ sollte unterschieden werden zwischen niedrig und hoch aufgelösten Bildschirmen, außerdem zwischen beleuchteten (eInk) und hinterleuchteten (LCD-, OLED-) Bildschirmen. Im Idealfall werden jeweils optimierte Schriften verwendet. Es kann also keine allgemeine Empfehlung für „Bildschirmschriften“ mehr geben – anders als vor 20 Jahren, als alle Bildschirme niedrig aufgelöst und mehr oder weniger matschig waren.

Wie ist die Schriftauswahl durch den Leser aus typografischer Sicht zu bewerten? Reichen die Schriften auf den E-Readern beziehungsweise in den Leseumgebungen aus ästhetischen Gesichtspunkten aus oder ist das Ergänzen eigener Schriften von Seiten des Verlags nötig beziehungsweise empfehlenswert?

Viele vorinstallierte Schriften auf E-Readern sind weder auf dem Papier, noch auf dem Bildschirm eine gute Wahl. Die meisten Schriften auf dem Kindle sind nicht sehr leserlich und wären es auf Papier genauso wenig. Helvetica mit den zu geschlossenen Formen und Futura mit der geometrischen Konstruktion – das sind einfach keine Textschriften. Palatino und Baskerville haben zu filigrane Details, selbst für die relativ guten Kindle-Displays. Cecilia ist mir etwas zu plump für Lesetexte. Ein schönes Gegenbeispiel gibt es seit einer Weile auf dem Kindle: Die Bookerly ist letztes Jahr in der Schriftliste der Kindles aufgetaucht und liest sich hervorragend.

Aus meiner Sicht ist es nicht nötig, eine Fülle verschiedener Schriften zur Auswahl zu stellen. Normale Leser können die Qualität nicht beurteilen sondern gehen nach ihrem „Geschmack“ – was auch bedeuten kann, dass sie sich selbst ein schlechtes Lese-Erlebnis mit den weniger lesbaren Schriften und unpassenden Zeilenabständen zusammenkonfigurieren. Lieber ein paar gute Schriften und wenig Einstellmöglichkeiten, dafür ein angenehmes Lese-Erlebnis, das vom Gerätehersteller und/oder vom Verlag sorgfältig optimiert wurde.

Hätte ich einen Verlag, würde ich mich als erstes darum kümmern, eine gut lesbare, zu meiner Marke passende Schrift zu lizenzieren. E-Books machen schließlich Verlage austauschbarer: In der analogen Welt gab es Gestaltungsfreiheit bei Titel, Format, Papier, Schrift, Layout. Bei E-Books fallen die meisten Parameter weg, so dass ich gar nicht mehr merke, von welchem Verlag ein E-Book stammt. Mit einer angenehm lesbaren, aber charakteristischen Schrift könnten Verlage Leser an sich binden und ihre digitalen Produkte weniger austauschbar machen.

Warum sind die Lizenzverträge für Schriften der meisten Shops an Ausgaben gebunden? Das bedeutet, dass die Verlage für jedes E-Book neue Lizenzverträge kaufen müssten und sich verständlicherweise nach einer Open Source-Alternative umsehen.

Die Fontdateien werden in den E-Publishing-Dateiformaten so eingebunden, dass sie einfach extrahiert werden können. Die Schrifthersteller kompensieren dieses Risiko der Raubkopie teils mit höheren Lizenzgebühren oder anderen Einschränkungen. Ich denke, das wird sich in naher Zukunft ändern – es muss nur genug Kommunikation zwischen Verlagen und Schriftanbietern geben.

Der aktuelle ist kein idealer Zustand, aber ich glaube nicht, dass Open-Source-Schriften die einzige (oder die beste) Antwort auf das Problem sind. Ich würde jedem Verlag raten, in Kontakt mit kleinen unabhängigen Schriftherstellern zu treten und individuelle Verträge auszuhandeln.

Viele Verlage verwenden die DejaVu, die unter einer Open Source-Lizenz verfügbar ist. Wie ist diese Wahl zu bewerten? Ist die DejaVu für die Nutzung am Bildschirm und in E-Books optimiert beziehungsweise geeignet?

Die DejaVu ist eine gut ausgebaute Schriftfamilie, mit Stärken und Schwächen. Es gibt aber nicht die eine Schrift, die auf allen Bildschirmen gut funktioniert. Genauso wenig passt eine einzige Schrift zu jedem Verlag, geschweige denn zu jedem Genre oder zu jeder Branche.

Ein Argument für die DejaVu seitens der Verlage ist die große Anzahl der Glyphen. Eine Alternative ist die kürzlich veröffentlichte Noto von Google. Kann man die beiden Schriften vergleichen und ist Toto eine empfehlenswerte Alter- native für Verlage?

Die Noto ist – soweit ich das für nicht-lateinische Schriftsysteme beurteilen kann – eine solide und professionell produzierte Schrift. Ich finde es allerdings problematisch, wenn kommerzielle Verlage ihre Schriftlizenzkosten von Google (oder anderen Konzernen) tragen lassen. Es ist ja nicht so, dass der Schriftentwurf kostenlos war. Er wurde von Google bezahlt. Bei jeder kostenlosen Schrift stellt sich die Frage: Warum ist diese Schrift kostenlos? Ist es angemessen, dass ich davon profitiere und als kommerzieller Anbieter an dieser Stelle Geld spare?

Und spätestens wenn drei andere Konkurrenten auch denselben Font benutzen, ist das kein Fortschritt, sondern der Zustand des Webs zwischen 1994 und 2010, nämlich als es noch keine Webfonts gab und alle Websites nur aus einer Handvoll Systemschriften wählen konnten.

Gibt es weitere (auch kostenpflichtige) Alternativen zur DejaVu, die die Anforderung der Verlage erfüllen und den gesamten UTF–8-Zeichenfundus abbilden?

Ich sehe keinen Grund, dass eine Verlagsschrift den gesamten UTF-8-Raum abdecken muss. Ich kenne auch keine Schrift, die das kann, denn dann müsste sie 1.048.576 Zeichen enthalten. Die meisten Texte verwenden ja nur die jeweiligen sprachspezifischen Zeichen und da kommt man auch mit der üblichen Unterstützung für europäische Sprachen sehr weit.

Für die allermeisten Verlage hierzulande ist also ein extrem großer Zeichenumfang kein relevantes Kriterium, zumal das jeweilige Betriebssystem im Normalfall einen Fallback für jedes exotische Zeichen bereithält. Es gibt sehr viele hochwertige Schriften, sowohl von großen Schrifthäusern wie auch von kleinen unabhängigen Anbietern, mit denen sich E-Books gestalten lassen.

Eignet sich das Thema Responsive Typography für das Lesen von E-Books auf E-Readern beziehungsweise Tablets. Welche Hürden gibt es auf dem Weg zum Einsatz dieser Technologie?

„Responsive“ bedeutet im üblichen Sprachgebrauch, dass sich das Layout und die Schriftparameter dem Ausgabegerät anpassen. Das ist also immer dann sinnvoll, wenn ein Entwurf (zum Beispiel in Form von HTML/CSS) auf verschiedenen Gerätegrößen optimal dargestellt werden soll.

Wenn es technisch möglich ist, sollte die Typografie immer auf die jeweilige Gerätegröße und auf andere Parameter wie Auflösung und Displaytechnik angepasst werden. „Responsive“ wäre der typografische Entwurf dann, wenn das ohne Änderung am E-Book automatisch beim Öffnen des Inhalts passiert. Ich fürchte, die meisten E-Reader sind noch weit von den Möglichkeiten aktueller Browser entfernt.

Die Fragen wurden am 17. Oktober 2016 schriftlich beantwortet.

 

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