Fabian Kern

Fabian Kern

Interview am 12.10.2016

Einführung

Ich bin einigermaßen resigniert, was das Thema EPUB3 angeht, insbesondere was den technologischen Unterbau der E-Reading-Welt angeht. Und damit meine ich alle großen Technologieanbieter, die Basistechnologien bereitstellen: Hardware, Software (Lesesysteme), aber auch die Infrastruktur für das Vertreiben und Verkaufen von Inhalten.

Warum gibt es keine Leseumgebung, die EPUB3 gänzlich unterstützt?

Fünf Jahre sind seit der Einführung von EPUB3 vergangen, der erste EPUB3-Standard ist von Herbst 2011. Es wird nie eine Leseumgebung geben, die EPUB3 ganz implementiert. Das war auch bei EPUB2 nicht so. Die Spezifikationen – ausgedruckt sind das 2.000 Seiten – sind teilweise obskur bezüglich ihres Nutzens. Außerdem sind die Anwendungsgebiete sehr begrenzt und die Implementierung ist abstrus kompliziert. In diese Kategorie fallen ca. 10 Prozent der Spezifikation, die vermutlich nie implementiert werden, weil es im Grunde niemand braucht.

Es gibt drei wesentlichen Features von EPUB3: erstens die Multimedia-Einbettung, zweitens das Thema Dynamik, Interaktivität und Javascript und drittens das Layout, das insgesamt besser, schöner, internationaler und barrierefreier geworden ist. Ein Grund für die mangelhafte Implementierung ist: Es ist garnicht so einfach. Die Spezifikationen sind 20 Mal so lang wie bei EPUB2. Das deutet das Komplexizitätslevel an, auf dem man sich bewegt. Der zweite Grund ist, dass es zu wenige Interessenten gibt: Das betrifft die Player, beispielsweise Adobe, Amazon, Apple oder Google, die auch für nicht triviale Implementierungen Ressourcen zur Verfügung hätten, die diese vollumfängliche Funktionalität wirklich brauchen.

Apple kommt einer Implementierung bisher am nächsten. In iBooks ist alles von EPUB3 umgesetzt, was man braucht, um richtig schöne Produkte zu machen. Die waren die ersten, schon im Februar 2012. Das war damals noch eine Initiative, die auf Steve Jobs zurückging, als Vorbereitung der iPads auf den Schul- und Bildungsbereich in den USA. Das ist der einzige der großen Anbieter, der sich ein ernsthaftes Marktinteresse davon versprochen hat. Apple ist damit aber alleine geblieben.

Das Readium-Projekt ist der Versuch, dem etwas entgegenzusetzen. Warum implementiert die Deutsche Telekom, die sowohl an Readium als auch an Tolino beteiligt ist, das nicht in die eigenen Geräte?

Auch innerhalb der Tolino-Allianz gibt es meiner Einschätzung nach nicht genügend interessierte Parteien, die den Aufwand für eine Implementierung tatsächlich eingehen wollen.

Welche Probleme gibt es auf Seiten der Hardware?

Die drei Ecken, in denen sich EPUB3 bewegt: Solange wir von Lesegeräten mit eInk – also E-Book-Reader im wörtlichen Sinne – reden, sind diese für zwei der EPUB3-Merkmale grundlegend ungeeignet. Der Grund ist die Displaytechnologie: Alles was an EPUB3 Spaß macht – also Videos einbetten, dynamische Animationen oder Quizzes skripten – erfordert sehr schnelle Bildwechsel. 48 Bildwechsel pro Sekunde sind nötig, damit das Auge ein Video als Bewegtbild erkennt. Ein eInk-Display schafft auch nach 10 Jahren Weiterentwicklung einen Bildwechsel in 0,8 Sekunden. Da ist also noch ziemlich viel Raum dazwischen.

Außerdem wird die Technologie von exakt einer Firma – nämlich der Firma eInk aus Singapur – produziert und weiterentwickelt. Alle großen Technologieunternehmen machen Development an anderer Stelle, nämlich für Retina-Displays. Die Evolutionsgeschwindigkeit bei der Nischentechnologie eInk ist entsprechend eingeschränkt.

Warum gibt es dann überhaupt noch E-Reader?

Meines Erachtens ist das ohnehin eine Nischentechnologie. E-Reader zielen auf genau eine Sorte Leser: Vielleser, die digital so gut unterwegs sind, dass sie die Vorzüge des nicht körperlichen Lesens schätzen, aber noch analog genug, um das haptische, papierartige der Oberfläche zu mögen. In Deutschland ist das eine stabile Leserschicht, aber es gibt nicht unendlich viele.

Für die Verlage und Content-Anbieter ist diese Zielgruppe sehr interessant, weil hier die Heavy User um Bereich Content unterwegs sind: Sie nehmen viel Geld in die Hand um Inhalte zu kaufen. Um diese Zielgruppe zu adressieren, müssen die Geräte sehr günstig sein, möglichst unter 100 Euro. Das bedeutet, dass neben dem eInk-Display – übrigens unabhängig vom Hersteller – die einfachsten und billigsten Komponenten, beispielsweise Prozessor oder Speicher, eingebaut werden.

Auch wenn das Display die Bildwechsel erbringen würde, sind geskriptete Inhalte auf einem E-Reader nicht möglich, weil der Prozessor das nicht hergibt. Beispielsweise ein Skript verändert Seiteninhalte so, dass sich ein dynamischer Inhalt dahinter anpasst. Dann muss der gesamte Titel im Speicher aufgrund des dynamischen Neuumbruchs der Inhalte eigentlich einmal neu gerendert werden und das schaffen diese Dinger nicht. Selbst iPads kriegen das kaum hin. Selbst auf den schnellsten Geräten produzieren interaktive EPUBs manchmal Performance-Probleme.

Du zwingst eine Hardware quasi per Formatdefinition etwas zu tun, für das es im Design her nie ausgelegt war. E-Reader sind Textlesemaschinen, die sind von ihrer Hardware, von ihrer Architektur, von ihren Standards so gebaut, dass sie das optimal tun und dass sie dieses Kriterium möglichst langer Akkulaufzeit unterstützen, weil das die Hauptfeatures sind, die die Leser schätzen. Das bedeutet aber auch: Wenn Du an dieser Stelle optimierst, musst Du an anderen Stelle Abstriche machen – und das genau sind diese Stellen. Das heißt: Wirklich anspruchsvolle enhanced E-Books werden auf den eInk-Readern nie stattfinden.

Gibt es Daten und Zahlen über die tatsächlich in Deutschland genutzten E-Reader?

Es gibt keine verlässlichen Zahlen, es gibt keine Gesamtbestandsumfrage. Aufgrund der Verkaufszahlen der letzten sechs Jahre und korreliert mit Zahlen beispielsweise der BITKOM schätze ich Folgendes zu den in Deutschland überhaupt befindlichen Geräten: 7 Mio. eInk-Geräte, 40 Mio. Tablets und 60 Mio. Smartphones. Es gibt allerdings keine Zahlen über die tatsächlich zum Lesen genutzten Geräte. Selbst Zahlen über das tatsächliche Leseverhalten würden keine Aussagen über die Lesezeit und die Korrelation zwischen Lesen und Kaufen des Contents ergeben.

Lohnt es sich überhaupt, für eine bestimmte Zielgruppe Inhalte zu publizieren?

Auch wenn die eInk-Geräte die Minderzahl der Hardwaregeräte im Markt sind, Menschen die dort unterwegs sind in besonderem Maße von Interesse, weil das die Vielleser sind, die auch viel kaufen. Auf der anderen Seite hast Du Apples High-End-Geräte, auch im Apple Ökosystem sind im Durchschnitt viele Kundengruppen unterwegs, die sehr viel mehr als Nutzer anderer Plattformen Geld für Inhalte ausgeben. Anderseits gibt es klare Zahlen darüber wie sich die Aufteilung im E-Book-Shop-Markt in Deutschland gestaltet: 40% Marktanteil liegen jeweils bei Amazon und Tolino, zwischen 6 und 8% für Apple und der Rest verteilt sich auf alle anderen. Jede andere Plattform hat dann unter einem Prozent Marktanteil.

Wenn Du also anspruchsvolle enhanced E-Books für den Apple Store produzierst, weil nur dort die Geräte unterwegs sind, die das wirklich können, dann produzierst Du als Verlag für 6% des Marktes. Und in der Regel ist es so, dass sich das nicht lohnt. Die Produktmanager sind natürlich enttäuscht, wenn man ein halbes Jahr Arbeit in ein Produkt steckt, das sich am Ende nur 150 Mal verkauft.

Bevorzugt das Shopsystem von Tolino eigentlich ein Format? Gibt es Restriktionen?

Bisher nimmt Tolino EPUB3 nur widerwillig an. Es gibt verschiedene Varianten, wie man ein EPUB3 bauen kann. Ein Genre – inzwischen in Deutschland garnicht mehr so selten – ist das sogenannte EPUB2-abwärtkompatibles EPUB3. Du nutzt das Format EPUB3 ohne die EPUB3-spezifischen Features zu beanspruchen. Gegen dieses abwärtskompatible EPUB3 wehrt sich Tolino nicht mehr aktiv, es gibt auch eigentlich keinen technischen Grund, das zu tun. Die CSS-Darstellung ist gegenüber einem EPUB2 stark verbessert, darüber hinaus hast Du als Leser erstmal weiter keine nennenswerten Vorteile davon.

Auf der anderen Seite gibt es Inhalte, die Multimedia oder Scripting verwenden. Diese nehmen sie etwas wiederwillig in den Shop auf, denn sie müssen aus dem Shop heraus den Kunden erklären, warum diese Inhalte nur für manche Geräte lesbar und ausführbar sind. Und das ist natürlich eine Herausforderung in der Kundenkommunikation.

Wurde an dieser Stelle versäumt, den Endkunden die verschiedene Formate zu erklären?

Dazu habe ich inzwischen eine sehr klare Meinung: Man muss nicht versuchen, das Kunden zu erklären: Kunden interessieren sich nicht für Formate. Kunden wollen einfach lesen. Die einzige Möglichkeit wie man das in dem Zusammenspiel aus Content, Shop, Hardware und Software richtig kommuniziert, ist indem man alles was für den Kunden in dieser Thematik ein Problem darstellt, von vornherein und zu 100% vor ihm versteckt.

Von den großen, die E-Books vertreiben gibt es im Grunde zwei Extreme, die da agieren: Apple sagt „Ja, unsere Geräte können das sowieso alle und Du kannst diese Dateien einfach garnicht außerhalb unseres Geräteuniversums nutzen“. Da ist es über den Zusammenhang zwischen Apple Shop und Apple Geräten sichergestellt.

Das andere Extrem ist die Art und Weise wie es Amazon macht – deshalb haben die sich auch so gegen diese Multimedia- und Interaktivitätsfunktionen gewehrt und tun es auch bis heute: Alles was die jemals gemacht und gebaut haben, muss auf dem ersten Kindle abspielbar sein. Das sichert die Infrastruktur im Hintergrund. Nach den neuesten Aktualisierungen kommunizieren die mit ihren Kunden, dass nur bestimmte Dateien auf bestimmten Geräten abspielbar sind, aber auch da sind sie sehr vorsichtig. Das ganze Amazonsystem ist auf Convenience (Bequemlichkeit) für den Kunden ausgelegt und diesen Effekt würden sie sich sofort zerstören.

Tolino gestaltet seinen Shop gegenüber den Kunden nicht so restriktiv sondern offen: Ihr könnt Euch die App aufs Smartphone laden und dort E-Books lesen oder Ihr könnt die Inhalte bei uns kaufen, sofern sie kein DRM haben und wo anders (beispielsweise bei Kobo) lesen. Durch diese Offenheit, die auf der einen Seite total schön ist für den Kunden und auch ein Alleinstellungsmerkmal, zerstören sie sich aber auf der anderen Seite die Möglichkeit, das zu kontrollieren. Da entsteht ein Dilemma: Wenn Du dem Kunden diese Offenheit bieten willst, musst Du ihn irgendwann mit dem Problem behelligen, dass er sich mit EPUB2, EPUB3 und den ganzen Varianten auseinandersetzen muss – was ein Kunde eigentlich nicht will. Und aus Lesersicht ist das auch total verständlich.

Für diese Zwecke wurden Media Queries eingerichtet.

Das stimmt nur in der Theorie. Media Queries funktionieren auf allen Software-Plattformen, nur nicht auf der Adobe-Plattform, also gerade bei Tolino nicht. Da das die einzig relevante Plattform wäre, haben sich Media Queries für den deutschen Markt quasi erledigt.

An dieser Stelle muss man sagen: Die 100%ige Schuld liegt bei Adobe, aufgrund der miserablen Implementierung. Ich habe keine Ahnung, was die sich dabei gedacht haben. Wenn Du in EPUBs Media Queries nutzt und hast den Adobe Reader als Basis, dann zerstört der Dir die EPUB-Datei – sie ist darauf nicht nutzbar. Deswegen tut das keiner, weil Du Dir das in Deutschland nicht leisten kannst.

In anderen Märkten, beispielsweise in den USA und UK, ist das anders: Da spielen die Adobe-basierenden Marktplatzplattformen eigentlich keine Rolle. Da nutzen Hersteller und Verlage auch diese Features, aber in Deutschland passiert da nichts. Adobe kennt dieses Problem seit zwei Jahren und sie haben bis heute nicht reagiert. Ich vermute, es ist ihnen egal. Insgesamt hat keiner der Beteiligten genug Interesse daran, den Schotter mal aufzuräumen.

Was bedeutet das für Verlage?

Für 90% der Verlage kann EPUB3 entweder viel zu viel oder zu wenig: Richtig viele Verlagsprodukte brauchen diesen Multimedia-Schnickschnack nicht. Zum Beispiel der überwiegende Teil aller Belletristiktitel, die in Deutschland vertrieben werden – und das ist die ganz große Masse. Und es gibt weder von Verlagsseite noch von Leserseite irgendein begründetes Interesse, die weiter aufzupeppen. Lehrmittel und Fachverlage mit spannenden Produktkonzepten brauchen wiederum Online-Datenbanken oder Apps weil die Grenzen von EPUB3 schnell erreicht sind. Beispiel: Skripte können viel in EPUB3 tun, aber man kann das Ergebnis beispielsweise nicht als PDF speichern und in fremde Programme übergeben, weil die Reader keine Fremdprogramme aufrufen dürfen. Man stößt also schnell an die Limitierung dieser EPUB-Readers. Verlage, die solche Produktkonzepte ausbrüten, müssen sofort auf eine andere technische Plattform gehen.

Wie ist die Haltung der Verlage zu den technischen Möglichkeiten von EPUB3?

Im Durchschnitt gibt es den Bedarf einfacher medialer Anreicherungen einfach nicht, weder auf der Leser- noch auf der Verlagsseite. Und dann die Frage: Lohnt sich ein Video? Das Ding wird riesengroß. Oder kann ich das Promo-Video nicht viel leichter über einen YouTube-Link einbetten? Wirklich interessant wird das erst, wenn die Multimedia-Inhalte mit dem Textcontent verzahnt und darauf bezogen wären, wenn ich beispielsweise multimediales Storytelling mache, wenn ein Roman anders geschrieben wird. Dann liegen die narrativen Strukturen nur zum Teil in Textmedien und zum Teil in anderen Medien. Dann kann ich das nicht mehr aus einem Print heraus destillieren, dann muss ich anders schreiben und mich dann fragen: Was macht das mit meinem Print.

Das muss auf Autorenseite beginnen. Verlagsgruppen wie Holtzbrinck, Lübbe und Bonnier haben das auch schon verstanden: Gute und anspruchsvolle Digitalproduktionen musst Du von Anfang an so konzipieren. Es funktioniert nicht mit: Ich produziere ein Buch und klatsche da hinterher einfach ein paar Videos drauf. Das was dann so hinterher entsteht, das braucht meiner Meinung nach niemand.

Was kann man Verlagen bezüglich der Formatfrage empfehlen?

Einem normalen Verlag kann man nicht raten mehrere Formate anzubieten, weil die Qualitätssicherungsprozesse darunter leiden und es teuer wird. Dafür musst Du medienneutral produzieren und brauchst zusätzlich voll automatisierte Produktionsprozesse für alles und jeden. Und zumindest die Publikumsverlage in diesem Land sind da nicht und kommen da auch nicht schnell hin. Technisch kann man EPUB3 nehmen, aber in einer Art und Weise, dass man Kompatibel zu allen Shops und Lesesystemen bleibt. Diesen Kompromiss kann man im Moment noch mit vernünftigen Mitteln fahren.

Reicht es wenn ein EPUB nur valide ist?

Ganz klar: Nein. Das kannst Du Dir als Verlag nicht erlauben. Jeder Marktplatz – egal ob Amazon, Apple oder Tolino – hat seine eigenen Spezifikationen, die man als Verlag zu beachten hat. Beispiel: Du gehst davon aus, dass bestimmte EPUB-Merkmale auf eine bestimmte Art und Weise genutzt werden, weil beispielsweise die Anzeige von Titel-Metadaten in der Bibliotheksansicht der Reader darauf basiert oder Bilder eine bestimmte Größe haben müssen, allerdings auch nicht zu groß werden dürfen. Wenn das EPUB diesen Spezifikationen nicht genügt, wird es nicht angenommen.

Das macht den wesentlichen Anteil der E-Book-Produktion aus. Die Konvertierungsdienstleister bieten das mittlerweile als Dienstleistung an. Für jeden großen Shop gibt es einen Content-Guide. Das bedeutet eine systematische Prüfung nach diesen Richtlinien und Anpassungen. Damit muss man leben und darf sich nicht aufregen – in der Praxis ist es aber eine „Scheißarbeit“, weil ein Hauptteil in Testing besteht. In jedem anspruchsvolleren gestalterischen Projekt, also mehr als ein bisschen Text und mehr als 10 CSS-Styles, ist das Verhältnis 20% Produktion und 80% Qualitätssicherung.

Können Verlage an diesem Gefüge etwas ändern?

Verlage sind zu 100 Prozent von den Shops abhängig. Wenn einer Druck ausübt, dann sind das die Shops auf die Verlage. Tolino ist noch eine der netteren Plattformen und hat versucht, sich als Good Guys in Deutschland zu präsentieren und zu etablieren – sie sind wirklich kooperativer.

Können oder wollen Publikumsverlage nicht multimedial produzieren?

90% der Verlage haben das nicht vor, weil es die Inhalte im Grunde nicht braucht. Die Verlage, die wollen oder deren Inhalte es brauchen würden, werden durch die mangelnde Unterstützung davon abgehalten und die gehen Stück für Stück in die Produktkonzepte, die nicht mehr E-Book heißen sondern App oder Web-Applikation oder Online-Datenbank oder Content-Abo im Netz.

Reader Analytics funktioniert nach wie vor nur mit EPUB3?

Ja. Das ist alles skriptgesteuert, also man braucht eine Plattform, die wenigsten diese Betätigungs- und Rückmeldeskripte ausführen kann. Es kann ein Anreiz sein. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das Anreiz genug ist, um das in ausreichenden Massen zu tun, um EPUB3 einen großen Schwung zu geben.

Wie ist die Prognose?

Ich sehe bei allen Marktteilnehmern, die irgendwie an diesem Problem Schuld sind, an keiner Stelle irgendeinen Treiber in Sicht, der irgendetwas an dieser Situation ändert. Der Gordische Knoten wäre nur zu sprengen, wenn sich Hardware-Anbieter, Software-Anbieter, Basis-Technologie-Anbieter, die Marktplätze und die Verlage an einen Tisch setzen würden, um das grundsätzlich zu verändern. Und dafür hat derzeit niemand ausreichend Motivation.

Tolino ist beispielsweise mit einer neuen App-Generation auf den Markt gekommen für iOS und Androide, also die Tablet und Smartphones, und sie haben nicht Ansatzweise daran gedacht, EPUB3 zu unterstützen. Wenn die das noch lange so spielen, dann haben die vielleicht in fünf Jahren eine EPUB3-fähige App, aber dann wird das niemanden interessieren, weil die Verlage das Thema bis dahin aufgegeben haben. Ich bin derzeit nicht optimistisch, dass sich in absehbarer Zeit an dieser Situation etwas ändert.

Ist das Risiko für Verlage hinsichtlich EPUB3 zu groß?

In den letzten Jahren haben einige Verlage ihre Versuche mit multimedial angereicherten E-Books gemacht. Eigentlich alle Verlage sind gescheitert: Sie machen keinen Umsatz und die Produktionskosten für Multimedia-Produkte sind viel höher. Es ist nicht zu erkennen, wie sich diese Mehrkosten durch die Content-Produktion in den Umsätzen widerspiegeln soll.

Das IDPF und das W3C kooperieren miteinander. An welchem Format arbeiten sie?

Das ist streng genommen kein Format mehr, das als Konzept eine Rolle spielt. Das nennt sich Portable Web Publikation (PWP). Der Gedanke ist, dass die Dateisystemstruktur eines EPUBs in eine selbstständig lauffähige Webapplikation integriert wird. Für dessen Zugang eine stehende Internetverbindung nötig ist.

Grundsätzlich ist es ein schönes Konzept, weil man sich von einer krassen technischen Limitierung befreit: Abhängigkeit von den Lesesystemanbietern, die uralte HTML- und CSS-Render-Engines verwenden und nicht auf dem, was ein moderner Browser heutzutage kann. Du hättest als Laufzeitumgebung drum herum kein Adobe-Konstrukt sondern Safari oder Chrome von heute plus alle Erweiterungen dieser Browser.

Ich fände es sehr toll, wenn sich das E-Book-Lesen nicht mehr im wesentlichen auf E-Readern abspielen würde, sondern in einem modernen Browser, weil wir uns über 9 von 10 dieser blöden Fragen überhaupt keine Gedanken mehr machen müssten. Ich bin ein großer Fan von der Idee, dass das Lesen im Browser stattfindet, unabhängig davon, wie die Applikation dazwischen ausschaut. Wenn es eine Entwicklung gibt, die ich wirklich gerne sehen würde, dann ist es Books in Browsers. Das wäre die Lösung für ganz viele schlimme Themen, um die wir herum navigieren. Damit befreit man das EPUB mit denselben Inhalten aus der Umklammerung uralter, proprietärer Implementierungen von E-Book-Marktplätzen, die keinerlei Eigeninteresse daran haben, nennenswerte technische Entwicklungen voranzutreiben, sondern die einfach verkaufen wollen. Jeder Mensch, der nur einen Monat Webdesign gelernt hat und mit WordPress umgehen kann, hat bessere Voraussetzungen als die gesamte E-Book-Welt. Und das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

An diesem technisch wunderschönen Konzept halte ich zwei Fragen allerdings noch für weitgehend umgelöst: Wie wird bezahlt und wie funktioniert der Zugang? Ist der Leser bereit eine feste Gebühr für einen Zugang zu bezahlen und in welchem Umfang ist er das? Was macht man in Deutschland mit der Online-Verbindungen. Wir leben in Europa im Vergleich zum asiatischen Raum in der Steinzeit. Da stehen wir uns mit unserer Infrastruktur und dem mangelnden Interesse der Politik an diesem Thema selbst im Weg. Das könnte für manche Sachen ein echtes Markthindernis werden.

War das Einbetten eigener Schriften auch in EPUB2 möglich?

Ja, allerdings wurden sie oft nicht angezeigt. Parallel in der Entwicklung der letzten Jahre ist die Unterstützung eingebetteter Fonts seitens der Readersoftware besser geworden. Aber man konnte auch schon in EPUB2 Fonts einbetten und auch so viele wie man wollte, viele Reader konnten diese aber vor vier bis fünf Jahren noch nicht darstellen.

Man kann so viele Schriften einbetten, wie man möchte. Diese Angabe „Original“ in den Menüs ist quasi der Schalter für die CSS-Eigenschaften, die der Verlag definiert. Es können technisch gesprochen auch 17 Fontdateien verwendet werden, wählt man allerdings eine andere Schrift aus, werden alle anderen von dieser Datei überspielt. Wenn man mit eigenen Schriften arbeitet, ist es üblich mehrere Fonts zu verwenden. Ich bin Advokat für die Verwendung von Webfonts und versuche meinen Kunden diese ans Herz zu legen, weil es eine viel zu wenig genutzte, aber sehr einfache und sehr attraktive Gestaltungsmöglichkeit ist, mit der man für richtig schöne EPUBs Sorgen kann.

Es geht mir vor allem um das Thema Typografische Identität. Verlagsinhalte im Digitalen kranken in der Regel oft daran, dass sie kein Gesicht haben. In den Digitalen Formaten hat man oft das Problem, dass man ganz formlosen Content bekommt, dem man nicht ansiehst, ob er von einem Verlag kommt oder von einem Selfpublisher. Bewusst auf Typografie in EPUB zu setzen ist eine der wenigen gestalterischen Differenzierungsmöglichkeiten, die Verlage haben.

Haben Verlage Interesse an Schrift?

Es gibt durchaus Verlage, die großes Interesse an Schrift haben. In einer wesentlichen Anzahl der Verlage ist das typografische und gestalterische Interesse in der Herstellung bei Weitem nicht mehr so ausgeprägt, wie das früher mal war – oder wie man das wahrscheinlich gerne hätte.

Auf der anderen Seite erlebe ich es immer wieder: Wenn man in den Herstellungsbereichen produktive Anstöße gibt, erntet man verblüffend schnell Erfolg, vorausgesetzt man legt die Hürden so gering wie möglich. Wenn man einer Herstellungsabteilung mal an einem praktischen Beispiel zeigt, dass bereits 10 Zeilen CSS dafür Sorgen, dass man das EPUB nicht am liebsten im Vorgarten vergraben würde, sondern dass man es sich dann angucken kann. Leider wissen das viele nicht. Wenn man an die Gestaltung in einem EPUB denkt, ist es in 90% aller Fälle einfach ein Know-how-Problem – der durchschnittliche Verlagshersteller kann in der Regel kein CSS, er hat auch keine Vorstellung, wie weit die Gestaltungsmöglichkeiten im CSS-Layout in der Praxis gehen. Das ist einfach eine schiere Diagnose, auch wenn ich mir das anders wünschen würde. Das ist die Erfahrung, die ich im Durchschnitt gemacht habe.

Ist die Einbindung von Responsive Typography möglich?

Es würde mich sehr wundern, wenn es einen EPUB-Reader gäbe, der das täte. Was technisch untendrunter steckt ist ein Media Querie und die sind bei Tolino beispielsweise ausgeschlossen. Das Prinzip ist toll, sinnvoll und technisch eigentlich nicht anspruchsvoll – jeder moderne Browser kann das. Deswegen fände ich es auch so toll, wenn sich das E-Book-Lesen nicht mehr im wesentlichen auf E-Readern abspielen würde sondern in einem modernen Browser.

Viele Verlage äußern Probleme bei der Schriftauswahl hinsichtlich der Glyphenanzahl. Ist das in Anbetracht der Veröffentlichung der Noto nachvollziehbar?

Ich habe die Veröffentlichung der Noto mit großem Interesse verfolgt. Das Problem der Schriftauswahl gibt es in vielen Verlagen. Es kommt oft nicht darauf an, ob die Schrift etwas kostet oder nicht, sondern ob sie verlässlich das ganze UTF-8 abdeckt oder nicht. Bisher gab es nur zwei Schriften, die das ohne weiteres können: DejaVu und Linux Libertine. Wenn es jetzt eine dritte gibt – umso schöner. Aber dann wird es selbst bei den kostenpflichtigen Schriften sehr schnell sehr dünn. Aus Sicht der Verlagsherstellung stellt sich die Frage: Wozu kann ich schnell und ohne großes Gedöns greifen und mir sicher sein, das sie alles anzeigt, was ich brauche? Und die Summe aller Aspekte spricht oft für die DejaVu.

Wir haben noch eine Fontlandschaft, in der es selbst für Fachleute nicht einfach ist zu beurteilen, was man mit einer Schrift genau darf und was nicht. Was Fontlizenzen anbelangt, gibt es auf beiden Seiten des Grabens durchaus unverschämte Positionen. In kleinen und Kleinstverlagen ist es eine Mischung aus Eigentlich können wir es uns garnicht leisten und Wir haben in unserer Kostenkalkulation keinen Bock uns darüber Gedanken zu machen. Die großen Verlage haben dafür ein Bewusstsein, aber im Durchschnitt ist das Unrechtsbewusstsein in diesem Zusammenhang nicht in hohem Maße vorhanden.

In der ständigen Rechtssprechung gibt es übrigens durchaus geteilte Meinungen darüber, ob Schriften überhaupt eine ausreichende Schöpfungshöhe haben, um schutzwürdig zu sein. Das ist einer der Gründe, warum die Font-Foundries bisher nie einen Musterprozess über diese Tatsache geführt haben, weil sie Angst haben ihn zu verlieren. Und das würde deren komplettes Geschäftsmodell über den Haufen werfen. Deshalb verfolgen die Foundries oft Rechtsbrüche nicht oder bringen sie nicht vor Gericht. Die Frage, ob das juristisch so niet- und na­gel­fest ist, scheint also garnicht so sicher zu sein.

Reicht Adobe InDesign zur Produktion von EPUB-Dateien aus?

Der EPUB-Export aus InDesign muss immer nachbearbeitet werden. Ich kenne niemanden, der ein EPUB aus InDesign exportiert und das dann so nimmt. Manche Verlage sind in der Umfrage wahrscheinlich geneigt, mit dem Haupttool zu antworten oder bekommen nicht mit, wenn der Satzdienstleister spätere Änderungen mit Sigil vornimmt. Wenn es noch Verlage gibt, die ausschließlich mit InDesign arbeiten, würde mich das sehr wundern.

Integrierte Produktionsumgebungen für mittelgroße und große Verlage funktionieren größtenteils durch Einklinken in InDesign: Beispielsweise die Verlagsgruppe Holtzbrinck setzt vollständig auf das Framework von Pagina. Der Workflow basiert dann auf Daten, die in InDesign gesetzt wurden, unten drunter sitzt allerdings ein sehr kontrollierter XML-Prozess: Das Framework funktioniert zu 100% auf einem XML first-Workflow, aber auch ein XML last-Prozess ist damit möglich – es lässt beides zu mit leicht unterschiedlichen Ergebnissen. Allerdings arbeiten Publikumsverlage eher mit XML last-Prozessen, weil der Prozess leichter zu kontrollieren und einzuführen ist.

Was bedeutet die Umstellung des Prozesses von XML last auf XML first für Verlage?

Ein Faktor der Prozessumstellung liegt in der Textherstellung: Normalerweise liefern Autoren Manuskripte irgendwie in Word ab und anschließend brauchst Du irgendjemanden oder irgendetwas, das dieses Irgendwas in Word in ein automatisch konvertierbares Format bringt. Je nachdem wie schlimm das im Einzelfall ist, kann es sein, dass die Umstellung ein Jahr dauert, aber es kann auch sein, dass es unmöglich ist, weil die Menschen das nicht hinkriegen.

Sind Autoren dazu bereit, semantisch ausgezeichnet zu schreiben?

Nur wenn es sich um gut bezahlte Fachredakteure aus technischen Bereichen handelt. Das ist aber auch nicht die Kompetenz belletristischer Autoren und kein Verlag, der bei Trost ist, wird einen gut verkaufenden Belletristikautor dazu nötigen, in einem bestimmten Prozess zu arbeiten. Es wäre auch nicht sinnvoll, denn die Funktion, die ein Romanautor hat, ist das Schreiben von Bestsellern. Schon eher kümmern sich Verlage mit Copy Editing später selbst darum.

Ab wann lohnt sich ein XML first-Workflow für Publikumsverlage?

Das ist schwierig, weil man es nicht ganz präzise angeben kann. Bei einem XML first-Prozess entstehen Initialkosten für das technische Aufsetzen und für den laufenden Betrieb, weil in einem Unternehmen einerseits Technologie und Tools und anderseits Menschen, die diese hinreichend beherrschen, vorhanden sein müssen. Die entstehenden Kosten werden uninteressanter je mehr Volumen diese Produktionsstrecke bewältigen kann – das alte Spiel mit den Grenzkosten.

Die Kostenseite ist keine absolute, weil sie von der Komplexität der Steuerungsprozesse abhängt. Sofern in Belletristikverlagen alle Titel grundsätzlich gleich laufen können – von unterschiedlichen Produktreihen, die in einer Variantensteuerung mit einem anderen CSS ausgestattet werden, einmal abgesehen – amortisiert sich die Anschaffung schneller beziehungsweise auch für ein geringeres Volumen. Ich will keine absolute Zahl nennen, weil man es immer in Relation von vielen Faktoren untereinander betrachten muss: Es ist immer eine Abwägung von Titeldurchsatz oder Seitenvolumen gegenüber der Prozesskomplexität.

Es wird nie nur Software-Installation sein, weil dieses Framework immer auf individuelle Datenstrukturen und Produktreihen eines Verlages konfiguriert werden muss. Das heißt beispielsweise ein Modul wie parsX besteht immer aus einem Teil für Lizenzkosten und einem Teil für Anpassungen an die speziellen Verlagsanforderungen.

Ist ein komplettes Modul in Kombination mit einem CMS sinnvoll?

Ein CMS drum herum macht bei großen Mengen irgendwann aus verwaltungstechnischen Gründen Sinn oder ich habe vom Geschäft her gedacht: Dann spielen Automatisierung und Liefergeschwindigkeit eine zunehmende Rolle. Wenn die E-Books gut laufen, braucht man einen vollautomatisierten Prozess, der auf Knopfdruck ein EPUB bauen kann und zwar am besten in dem Moment in dem die Druckdaten fertig sind. Es gibt Szenarien, die nur noch vollautomatisiert funktionieren. Aber das setzt strukturierte Daten und XML in der Text- beziehungsweise Datenerfassung voraus – auch für die Produktion der gedruckten Bücher.

Gibt es emotionale Widerstände gegen solche Prozessumstrukturierungen?

Haufenweise. Für einen solchen Prozess muss man notwendigerweise relativ weit vorne in der Prozesskette eingreifen: Idealerweise entsteht Inhalt schon strukturiert. Und meiner Meinung nach ist das das Hauptproblem bei der Veränderung von Workflows. Das Handling in dem Moment, in dem ich das mal strukturiert habe. Anschließend daraus zu setzen, daraus zu konvertieren, daraus ein CMS zu befüllen und beliebige Mengen an Digitalformaten zu erzeugen ist im Grunde nicht wirklich schwierig. Schwierig ist es nur, einmal sauber definierten, strukturierten Content herzustellen. Gerade wenn es Fachabteilungen im Prozess gibt, die das nie mussten und die auch keinen Bock haben auf regelbasiertes Arbeiten.

Ein weiteres Problem ist, dass es eigentlich keine Autoren-Tools gibt, die besonders gut zur Erfassung strukturierter Daten geeignet sind. Für 98% aller Verlage ist Word das Autorentool. Ich stelle mal eine steile These auf: Wir hätten wahrscheinlich 90% aller Probleme in der Produktion von Inhalt nicht, wenn Word nicht so ein unzureichendes, mieses Tool wäre. Es wird aber leider überall genutzt. Wenn man strukturierte Inhalte erstellen möchte, ist Word so ungeeignet wie nur irgendetwas.

Die Bearbeitung von Word und die Erstellung von Word-Vorlagen ist möglich, wird aber in der Praxis nicht genutzt, weil es so abartig kompliziert ist, dass in der Masse zu kontrollieren, dass alleine das wiederum einen eigenen Aufwandsposten darstellt. Problematisch sind beispielsweise die unterschiedlichen Formatversionen von Word, für die man jeweils eigene Formatvorlagen erstellen muss, also für jede Formatvorlage eine. Du musst allen Autoren im Zweifel alles liefern. Wir hätten diese Probleme nicht in diesem Maße, wenn Word dazu nicht ein so ungeeignetes Tool wäre. Es ist für viele Prozesse sehr nützlich, aber es ist von Microsoft nie für die strukturierte Texterfassung gedacht gewesen und hat diese auch nie vernünftig gelernt.

Gleichzeitig ist es einem Unternehmen nicht vermittelbar, dass es Autoren ablehnen muss, weil der nicht mit den vorgegebenen Programmen arbeitet – da ist keine Diskussionsgrundlage vorhanden.

Das Interview wurde am 12. Oktober 2016 telefonisch geführt.

 

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