Atilla Korap

Atilla Korap

Interview am 31.10.2016

Sind die auf E-Readern und in den Leseumgebungen derzeit verwendeten Schriften für die digitale Nutzung optimiert? Sind die zum Teil sehr alten Schriften mit neuen Entwürfen an die Bildschirmnutzung angepasst?

Zunächst würde ich drei Optimierungsmöglichkeiten für die digitale Nutzung unterscheiden wollen.

  1. Schriften, die zur Nutzung auf E-Readern gestaltet beziehungsweise umgestaltet wurden.
  2. Fonts, die manuell gehinted wurden. Das heißt, im Font sind Informationen für die Rendering Engine, damit die Schrift auch in kleinen Graden lesbar bleibt.
  3. Ein kluge Auswahl der auf den E-Readern eingesetzten Rendering Engine.

Unter 1. fallen alle Optimierungen bezüglich des Designs. Eine große x-Höhe, großzügige Laufweite, wenig Strichstärkenkontrast, deutliche Unterscheidbarkeit der einzelnen Buchstaben. Designs, die mit dem Ziel erstellt wurden die Schrift auf Bildschirmen gut lesbar zu machen, folgen diesen Regeln. Aber auch Schriften, die es in verschiedenen optischen Größen gibt, befolgen diese Regeln, da die Erkenntnisse bereits im Bleisatz, also vor hunderten Jahren, bekannt waren. So gab es schon im Bleisatz unterschiedliche optische Größen. Wenn man sich zum Beispiel die ITC Bodoni Six anschaut, erkennt man, wie das Design der Bodoni für 6pt angepasst wurde. Diese Schrift funktioniert auch auf Bildschirmen wesentlich besser, als die „normale“ Bodoni. Genauso wie sie im Druck in kleinen Graden besser funktioniert als die „normale“ Bodoni.

Es gibt also bereits eine recht große Auswahl an Schriften, die gestalterisch alles mitbringen, um auf dem Bildschirmen gut zu funktionieren.

Das Design allein reicht aber oft nicht aus. Fonts benötigen Hints, um Fehler in der Darstellungen zu vermeiden. Hints sind Befehle, die der Software (der Rendering Engine) sagen, wie eine bestimmte Stelle eines bestimmten Zeichens zu verstehen ist. Zum Beispiel kann man Stämme für die Software markieren. Diese Stämme werden dann auf jeden Fall kräftiger dargestellt, auch wenn sie eigentlich zu dünn sind. Auch Serifen oder Abschlüsse können so pixelgenau kontrolliert werden. Heute gibt es Software, die diese Hints automatisch generieren kann und manche Rendering Engines bringen sogar einen eingebauten Autohinter mit. Die Ergebnisse können ganz ansprechend sein, oft aber nur in bestimmten Größen, während es in anderen Größen nicht sehr gut aussieht. Manuelles Hinting ist dem Autohinting noch überlegen. Ist aber unglaublich teuer, weil jedes Zeichen in jeder Punktgröße optimiert werden muss.

Für E-Books gibt es noch ein spezielles Hintingverfahren. Man hat festgestellt, dass es der Lesbarkeit bei langen Texten hilft, wenn die Zeichen auf der linken Seite eine scharfe Kante haben. Dafür gibt es ein spezielles Hinting, dass die linke Kante der Zeichen auf eine Pixelkante setzt. Dadurch gibt es auf der linken Seite der Zeichen keine Grauverläufe.

Letztlich besteht noch die Möglichkeit die Rendering Engine zu wechseln, zum Beispiel, um einen besseren Autohinter einzusetzen oder eine gänzlich andere Technologie. Speziell bei E-Readern ist die EDGE Technologie von Monotype relativ verbreitet. Was man nämlich beim Design oder beim Hinting nicht voraussehen kann ist, wie sich der Font auf unterschiedlichen Bildschirmen verhält. EDGE rendert die Zeichen anders als normale Rendering Engines und erlaubt das „tunen“ der Ausgabe, um etwa eine zu unscharfe Darstellung zu verhindern oder wenn eine Schrift auf eInk Displays plötzlich zu dünn aussieht. Auf diese Webseite werden die Tuning-Möglichkeiten erläutert: http://www.monotype.com/technology/legibility/

Wenn man sich die Optimierungsmöglichkeiten anschaut, dann stellt man fest, dass es eine Kette von Abläufen betrifft, die alle Schritte von der Gestaltung bis zum Rendern der Schrift betrifft. Wenn man die Analogie zum Papier herstellen wollte, könnte man sagen: Bildschirme sind das Papier. Hinting und Rendering entsprechen der Kraft mit der die Tinte auf das Papier gedrückt wird. Also würde ich die Beurteilung, ob eine Schrift für die digitale Nutzung optimiert ist, immer in diese drei Kategorien unterteilen.
Was ich über die Monotype Schriften sagen kann, die auf einigen E-Readern eingesetzt werden ist, dass sie auf jeden Fall die Optimierungen eins und zwei erfahren haben und auf vielen Geräten wird sogar EDGE eingesetzt und somit ist eine gute Darstellung garantiert. Für die ersten E-Reader-Hersteller ging es in erster Linie darum E-Reader überhaupt interessant zu machen. Dafür waren Schriften notwendig, die man aus dem Buchsatz kennt. Die Schriften wurden dann für den Bildschirm optimiert. Erst später sind neuere Designs für bestimmte etablierte Produkte entstanden, wie zum Beispiel die Bookerly.

Wie ist die Schriftauswahl durch den Leser aus typografischer Sicht zu bewerten? Reichen die Schriften auf den E-Readern beziehungsweise in den Leseumgebungen aus ästhetischen Gesichtspunkten aus oder ist das Ergänzen eigener Schriften von Seiten des Verlags nötig beziehungsweise empfehlenswert?

Ich persönlich bin sehr für Vielfältigkeit und neue Designs und würde immer die Schrift einbetten, in der ich das E-Book gesetzt sehen möchte. Es gibt einige E- Reader, die die eingebettete Schrift nicht benutzen, sondern immer die Systemschriften verwenden. Auch das kann ich verstehen, weil die E-Reader-Hersteller vermeiden wollen, dass man die Schuld für schlechte Darstellung bei ihnen sucht. Es ist schwer dem Leser zu erklären, welche Faktoren bei der Darstellung der Schrift eine Rolle spielen. Aber die Reduktion auf Systemschriften ist auf die Dauer langweilig.

Aber diese mikrotypografischen Faktoren sind nur eine Seite der Medaille. Wenn es nicht mal eine Silbentrennung auf dem Gerät gibt, sieht der Satzspiegel oft nicht gut aus. Das wiegt meiner Ansicht nach schwerer, als wenn die Punze eines kleinen As zu klein dargestellt wird. Läuft die Punze zu, ist das wiederum ein größeres Problem als der Satzspiegel, weil das Auge immer wieder daran hängen bleibt.

Warum sind die Lizenzverträge für Schriften der meisten Shops an Ausgaben gebunden? Das bedeutet, dass die Verlage für jedes E-Book neue Lizenzverträge kaufen müssten und sich verständlicherweise nach einer Open Source-Alternative umsehen.

Das hat lizenzrechtliche Gründe. Wenn man ein Poster gestaltet, druckt und überall verteilt, ist das was anderes als eine Schrift in ein E-Book einzubetten und das Ebook zu vertreiben. Weil nämlich die Fonts, wenn auch eingepackt und unsichtbar, mit dem Endprodukt zusammen ausgeliefert und damit weiter distribuiert werden. Da Fonts als Software gelten, vertreibt man praktisch das Schriftprogramm gemeinsam mit dem Layout und dem Inhalt des Buches. Hier verstehen sich viele Schriftenhäuser als wesentlicher Bestandteil des Produktes und verlangen eine Lizenz pro verkaufter Einheit. Dafür wird man beraten und bei der Schriftauswahl unterstützt. Das ist der Vorteil gegenüber Open-Source.

Viele Verlage verwenden die DejaVu, die unter einer Open Source-Lizenz verfügbar ist. Wie ist diese Wahl zu bewerten? Ist die DejaVu für die Nutzung am Bildschirm und in E-Books optimiert beziehungsweise geeignet?

Ja, die DejaVu bringt auf jeden Fall alle Designeigenschaften mit, die für eine Bildschirmschrift nötig sind. Also Aspekt eins ist abgedeckt.

Sie ist auch gehinted und sollte auf den meisten Bildschirmen ganz gut funktionieren. Aber, sie wurde wahrscheinlich nicht für eInk Bildschirme und für ausgiebiges Lesen gehinted – siehe oben: scharfe linke Kante. Ganz sicher wurde sie nicht optimiert, um mit speziellen Rendering Technologien zusammen zu arbeiten. Letztlich bleibt noch die Frage, ob die DejaVu eine zeitgemäße Schrift ist. Aber das ist eher eine Geschmacksfrage.

Ein Argument für die DejaVu seitens der Verlage ist die große Anzahl der Glyphen. Eine Alternative ist die kürzlich veröffentlichte Noto von Google. Kann man die beiden Schriften vergleichen und ist Noto eine empfehlenswerte Alternative für Verlage?

Die Noto ist mit der DejaVu vergleichbar. Das Design ist für Bildschirme ausgelegt und zeitgemäßer als die DejaVu. Und sie unterstützt natürlich noch viel mehr Sprachen und Schriftsysteme.

Die Fontpakete, die man von der Noto Webseite beziehen kann, scheinen nicht gehintet zu sein, da das Paket “Noto-unhinted.zip” heißt. Gehintete Versionen gibt es im GitHub Repository der Schrift. Ob alle Sprachen gehinted sind, kann ich nicht sagen, ob sie auf E-Readern funktionieren, muss man ausprobieren.

Gibt es weitere (auch kostenpflichtige) Alternativen zur DejaVu, die die Anforderung der Verlage erfüllen und den gesamten UTF–8-Zeichenfundus abbilden?

Die DejaVu deckt UTF–8 nicht ab. UTF–8 entspricht dem gesamten Unicode Zeichensatz der sogenannten 1. Plane. Das sind alle 16 Bit encodeten Zeichen, also insgesamt 65.535 Zeichen.

Es gibt nur sehr wenige Fonts, die diesen Zeichensatz annähernd ausfüllen. Die Noto, selbst wenn sie womöglich alle Zeichen enthält, gibt es nicht als einzelnen Font, sondern die Sprachen sind über etliche Dateien verteilt. Kommerzielle Schriften, die das annähernd enthalten sind: Arial Unicode oder die Ascender Uni. Auch URW hat eine solche Schrift im Angebot.

Eignet sich das Thema Responsive Typography für das Lesen von E-Books auf E-Readern beziehungsweise Tablets. Welche Hürden gibt es auf dem Weg zum Einsatz dieser Technologie?

Ich denke, das tut es in jedem Fall! Allerdings fängt man gerade erst an Responsive Typography zu entdecken. Durch die Einführung von OpenType v1.8 und Variable Fonts wird das Thema zusätzlich befeuert. Insbesondere denke ich hier an die Kopplung typografischer Eigenschaften an die vielen Sensoren, die in den heutigen Endgeräten stecken. Mobilgeräte mit Helligkeitssensoren, Bewegungssensoren, sogar die Gesundheitsdaten befinden sich ja auf vielen Geräten – diese Daten könnten alle für die Bestimmung der Typografie behilflich sein. Du solltest Frank Rausch mal darauf ansprechen, der ist ein hervorragender Typograph und Softwareentwickler und denkt bereits viel in diese Richtung.

Die Fragen wurden am 31. Oktober 2016 schriftlich beantwortet.

 

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