4.4 Optimierung

4.4 Optimierung

4.4.1 Gestaltungsmöglichkeiten

Auch unter dem Aspekt der Typografie bleibt Publikumsverlagen angesichts starker Interdependenzen und hierarchischer Strukturen lediglich eine passive Nebenrolle im E-Book-System. Direkte Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der aktuellen Situation sind unter diesen Umständen erneut schwer zu formulieren: Das Akzeptieren der Schriftauswahl durch den Leser scheint im gleichen Maße alternativlos wie das Ausweichen auf Open-Source-Fonts in Anbetracht ausgabengebundener Schriftlizenzen – sowohl die typografischen als auch die strukturellen Gestaltungsmöglichkeiten sind demzufolge eingeschränkt.

Nichtsdestotrotz bedarf es intern eines stärkeren Fokus auf die typografische Ästhetik als einzig verbleibendes Qualitäts- und Unterscheidungsmerkmal in E-Books. Angesichts bisher nahezu homogenen Designs digitaler Verlagspublikationen besteht erheblicher Nachholbedarf und mit Blick auf aussichtsreiche, technische Änderungsmöglichkeiten großes Optimierungspotential. Fundiertes Hintergrundwissen über die medienspezifischen Besonderheiten linearen Lesens auch in heterogenen Räumen, die intensive Auseinandersetzung mit typografischen Regeln und ästhetischen Idealen unter Berücksichtigung wandelnder Gegebenheiten sowie solide Grundlagenkenntnisse in CSS zur Konzeption und Produktion typografisch anspruchsvoller E-Books müssen fortan zum erweiterten Repertoire aller Verlagshersteller gehören. Die Produkt- beziehungsweise Formatentwicklungskompetenz gewinnt im Bereich des elektronischen Publizierens zweifelsfrei immer mehr an Bedeutung.

Die Transformation des Inhalts in ein digitales Medium ist – unter der Voraussetzung des in E-Books üblichen Reflowable Layouts – zwangsläufig mit der Reduktion manuellen, makrotypografischen Einflusses verbunden. Gegenüber den Vorteilen, beispielsweise die individuell anpassbare Schriftgröße oder der Einsatz der Responsive Typography, ist diese jedoch positiv, zumindest neutral zu beurteilen. Wer den Anspruch printspezifischer Typografie aus Sicht der Herstellung dennoch unvermindert auf die E-Book-Produktion adaptiert, wird zwangsläufig enttäuscht werden, das veränderte Mediennutzungsverhalten und die steigenden Umsatzzahlen digitaler Publikationen aber nicht ändern. Zudem muss der Wegfall des manuellen Feinumbruchs unter Berücksichtigung der angedeuteten CSS-Stylevorgaben längst keinen spürbaren Nachteil für den Leser bedeuten. Es braucht neben einer vorurteilsfreien, deskriptiven Debatte über die Ästhetik von E-Books langfristig ebenso eine digitale Typografie, die sich nicht an ihrer sprintspezifischen Vorgängerin orientiert.

Obwohl die ausgabengebundenen Lizenzbedingungen ein klares Abhängigkeitsverhältnis gegenüber den Foundries bedeuten, besteht für Publikumsverlage auch diesbezüglich minimaler Handlungsspielraum: Wenn lizenzfreie Schriften keine Alternative darstellen und öffentlich kommunizierte Lizenzmodelle realitätsfern erscheinen, bleibt noch immer die Möglichkeit individuelle Verträge über die Verwendung von Schriften auszuhandeln.1 Zur Lösung dieses Konflikts bedarf es neben realistischen Lizenzmodellen und dem kompromissbereiten Entgegenkommen der Foundries allerdings auch der signalisierten Bereitschaft der Publikumsverlage unter den entsprechenden Vorraussetzungen auf lizenzfreie Schriften zu verzichten. Am Ende profitieren schließlich beide Seiten von einer Zusammenarbeit: Publikumsverlage erwerben nicht nur Schriftlizenzen sondern erhalten auch Beratung zu technischen und ästhetischen Einsatzmöglichkeiten von Schrift oder bei der Konzeption einer typografischen Identität; Foundries wiederum gewinnen in Verlagen wertvolle Partner, deren Produkt auch langfristig beinahe ausschließlich in Form von Text beziehungsweise in Gestalt von Schrift erscheint.

4.4.2 Brooks

Aus ästhetischer Perspektive ist das E-Book für Verlage ein denkbar schlechter Start in die Welt der digitalen Verlagspublikationen – zumindest unter den gegenwärtigen Bedingungen, in denen Softwarehersteller die Schriftauswahl definieren und Foundries realitätsferne Lizenzbedingungen für hochwertige Schriften formulieren. Der Weg aus dieser systemischen Abhängigkeit eines auf starken Interdependenzen, hierarchischen Konstruktionen und monopolähnlichen Vertriebsstrukturen basierenden E-Book-Systems führt – wie schon im Bereich des Formats – aus demselben heraus: Durch das Konzept der Books in Browser gewinnen Publikumsverlage neben der alleinigen Kontrolle über die belletristischen Inhalte und die technische Umsetzung der Digitalpublikationen hinsichtlich des Formats auch die Hoheit über ästhetische Entscheidungen im Zusammenhang mit typografischen Fragen zurück.

In einer eigens etablierten Leseumgebung nach dem Konzept der Books in Browsers trifft allein der jeweilige Publikumsverlag sämtliche typografischen Entscheidungen: Zwischen einer standardisierten Schrift innerhalb der webbasierten Applikation bis hin zu einer individuellen Auswahl für ausgewählte Publikationen sind aus technischer Perspektive viele Optionen denkbar. Die verfügbaren Schriften erfüllen mindestens die formulierten Anforderungen an das lineare Lesen auf einem Bildschirm und passen sich im Idealfall nach dem Prinzip der Responsive Typography an die Bildschirmauflösung, die situativen Umstände der Rezeptionsumgebung und den individuellen Wünschen des Lesers jeweils neu und automatisch an.2 Weil die verwendeten Fonts aus einem servergespeicherten Brook im Gegensatz zum geschlossenen und anschließend vervielfältigten Dateiformat eines E-Books nicht extrahiert werden können, bedarf es außerdem seitens der Foundries keiner ausgabengebundenen Lizenzvereinbarungen zum Schutz vor Missbrauch: Grundsätzlich ermöglicht das eine Rückkehr zum ursprünglichen, pauschalen Schriftvertrieb – in jedem Fall ist die Argumentationsgrundlage für Publikumsverlage gegenüber Foundries unter diesen Bedingungen deutlich komfortabler.

Das Konzept der Books in Browsers verschiebt das Machtverhältnis hinsichtlich typografischer Entscheidungen beträchtlich zugunsten deutschsprachiger Publikumsverlage, die das ästhetische Potential technischer Voraussetzungen stärker ausschöpfen und den Hoheitsverlust über mikrotypografische Entscheidungen teilweise revidieren können. Die Aussichten auf ein deutlich inhaltezentrierteres, von Publikumsverlagen dominiertes Ökosystem rechtfertigt einen entsprechenden Entwicklungsaufwand und die Investitionsbereitschaft zur Etablierung einer verlagseigenen, webbasierten Leseanwendung für Brooks. An dieser Stelle manifestiert sich jedoch eine ebenfalls bereits erwähnte Problematik: Über die strategischen Optimierungen beziehungsweise die dafür erforderlichen konzeptionellen Umstrukturierungen wird außerhalb der Herstellungsabteilung entschieden. Außerdem müssen noch Überlegungen mit Blick auf die Internet-Kaufbereitschaft lesender Zielgruppen und bezüglich der erforderlichen, infrastrukturellen Netzabdeckung angestrengt werden.3 Insgesamt bedarf es eines schlüssigen Digitalkonzepts auf der Grundlage der gemachten Überlegungen und unter besonderer Berücksichtigung der positiven Impulse, die auf technischer, emotionaler und ästhetischer Ebene vom Konzept der Books in Browsers ausgehen.


  1. Vgl. Rausch: Interview am 15.10.2016. ↩︎
  2. Vgl. Rausch: Interview am 15.10.2016. ↩︎
  3. Vgl. Kern: Interview am 12.10.2016. ↩︎

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