4.2 Umfrage

4.2 Umfrage

4.2.1 Leseschrift

Neben multimedialen Inhalten kann ein E-Book im EPUB-Format auch Schriftdateien, sogenannte Fonts, enthalten. Diese liegen im Idealfall im Web Open Font Format (WOFF) vor, das die Datei gegenüber den Alternativen TrueType und OpenType deutlich komprimiert und softwareübergreifend akzeptiert wird. Das Einbinden der Fonts verschiedener Schnitte oder gar mehrerer Schriften beispielsweise als Unterscheidung zwischen Leseschrift und Überschrift erfolgt über entsprechende CSS-Anweisungen.1 Diese alternative Stylevorgabe erscheint mit der Kennzeichnung Original unter den in der jeweiligen Leseanwendung zur Verfügung stehenden Schriften:

  • Amazon: Baskerville (1754), Futura (1927), Palatino (1949), Helvetica (1956), Caecilia bzw. Caecilia Condensed (1990) und Bookerly (2015)
  • Apple: Times New Roman (1931), Palatino (1949), Charter (1987), Iowan Old Style (1990), Georgia (1996), Seravek (2007), Athelas (2008) und San Francisco (2014)
  • Tolino: Bitter, OpenDyslexic, Droid Serif, Fira Sans, Source Sans Pro und Vollkorn (allesamt Google Fonts)

Die Umfrageangaben der Publikumsverlage offenbaren, dass diese mehrheitlich von der Möglichkeit Gebrauch machen, E-Books mit eigenen Schriften auszustatten.2 18 Verlage verwenden nach eigenen Angaben eine einheitliche Leseschrift beziehungsweise eine sogenannte Hausschrift, die der Verlag ausschließlich und möglicherweise exklusiv auch für gedruckte Bücher und zur Kommunikation als Teil eines umfassenden Corporate Designs einsetzt. Sechs Verlage verwenden für ihre E-Books eine individuelle beziehungsweise passende Schrift mutmaßlich entsprechend des Segmentes und mindestens für eine gesamte E-Book-Reihe.

Antwort Alle Gruppe 1 Gruppe 2 Gruppe 3 Gruppe 4 Gruppe 5
Hausschrift / Einheitliche Leseschrift 18 3 2 5 4 4
Keine zusätzliche Leseschrift 11 1 6 3 0 1
Individuelle / Passende Leseschrift 6 0 1 0 3 2
Keine Angabe 1 0 0 0 1 0

Der größte Teil der Verlage, die eine zusätzliche Schrift verwenden, kommt aus den Gruppen 4 und 5. Der Einsatz einer zusätzlichen Schrift und das Bewusstsein für typografische Gestaltungsmöglichkeiten in E-Books korrelieren offenbar mit dem jährlichen Produktionsumfang: Je mehr E-Books produziert werden, desto größer ist das Interesse an einer individuellen Schrift. Dies steht möglicherweise im Zusammenhang mit der Größe der Herstellungsabteilung und dem entsprechend versierten und vielfältigen Know-how der Mitarbeiter, die sich nicht nur um die Typografie bemühen sondern auch über das technische Hintergrundwissen zum Einbinden der Schriften verfügen.

4.2.2 Schriftwahl

Die Wahl einer einheitlichen oder individuellen Leseschrift fällt für erstaunlich viele Publikumsverlage auf die DejaVu.3 Insgesamt zehn Verlage verwenden sie, darunter acht größere Verlage aus den Gruppen 4 und 5. Speziell deren Entscheidung für eine zusätzliche, alternative Schrift steht offenbar nicht in Zusammenhang mit den eigenen, finanziell umfangreicheren Mitteln, immerhin ist die DejaVu eine Open Source-Schriftfamilie und ihre Verwendung entsprechend kostenlos. Sie basiert auf der Bitstream Vera und wird von mehreren Autoren fortlaufend, aber langsam weiterentwickelt. Ein häufig erwähntes Argument der Verlage für die Auswahl der DejaVu ist zudem die umfangreiche Glyphenanzahl der gut ausgebauten Schriftfamilie.

Die übrigen Verlage, die das E-Book nicht mit einer Schrift versehen, begründen ihre Entscheidung unterschiedlich: Zwölf Verlage besitzen nach eigenen Angaben nicht die erforderlichen Rechte an Schriften für digitale Publikationen; Weitere acht Verlage geben an, individuelle Schriften für E-Books seien zu teuer.4 Alle erwähnen sie damit das Problem der teilweise ausgabengebundenen Lizenzbedingungen der Schriftenhersteller, sogenannter Foundries: Der Käufer eines E-Books kann den integrierten Font leicht extrahieren und erhält neben dem literarischen Inhalt folglich auch einen teuren Schriftschnitt oder gar mehrere Fonts.5 Die Foundries reagieren auf diese Sicherheitslücke, indem sie den Verkauf der Schriften an besondere Auflagen und strenge Lizenzvereinbarung knüpfen.6 Der Erwerb einer Schriftlizenz ist lediglich für eine Ausgabe einer digitalen Publikation möglich, sprich: Eine Schriftlizenz für einen einzigen E-Book-Titel. Jede Neuauflage gilt als weitere Ausgabe und muss neu lizensiert werden. Publikumsverlage nehmen unter diesen Umständen aus wirtschaftlich nachvollziehbaren Gründen Abstand von lizensierten Schriften, immerhin werden pro Publikation üb­li­cher­weise mindestens vier verschiedene, lizenzpflichtige Schnitte einer Schrift benötigt.

Begründung Nennungen
Der Verlag besitzt keine Schriftlizenzen für E-Books. 12
Die Schriften auf dem jeweiligen Reader reichen aus. 11
Eine individuelle Schrift ist zu teuer. 8
Es ist zu kompliziert. 4
Ich weiß es nicht. 3
Das Format lässt diese Funktion nicht zu. 1

Einen grundsätzlichen Handlungsbedarf im Bereich der Typografie sehen nur wenige Publikumsverlage mit Blick auf die eigene Herstellung: Vier Verlage geben an, sich mit der Ästhetik von E-Books beziehungsweise der Verbesserung der Gestaltung zu beschäftigen, während zwei Verlage die Suche nach alternativen Schriften und die üblichen Lizenzmodelle als problematisch empfinden.7 Hierin spiegelt sich die weit verbreitete Ansicht innerhalb der Verlagsbranche, E-Books seien in ihrer Ästhetik der des Buches von Vornherein weit unterlegen und bedürfen deshalb keiner gesteigerten typografischen Aufmerksamkeit, auch weil die Gestaltungsmöglichkeiten bei digitalen Publikationen, insbesondere durch das Responsive Layout, ohnehin stark eingeschränkt seien.8


  1. Vgl. Kern, Fabian 2014: EPUB-Praxis: Fonts einbinden und verwenden. http://www.dpc-consulting.org/epub-praxis-fonts-einbinden-und-verwenden/ ↩︎
  2. Siehe Anhang 2, Frage 12: Wird dem E-Book eine Schrift mitgegeben? ↩︎
  3. Siehe Anhang 2, Frage 13: Welche Schrift wird als Hausschrift / für sämtliche Publikationen verwendet? ↩︎
  4. Siehe Anhang 2, Frage 14: Warum wird dem E-Book keine individuelle Schrift mitgegeben? ↩︎
  5. Vgl. Wang: E-Books mit EPUB. Seite 325. ↩︎
  6. Vgl. Kern: Interview am 12.10.2016. ↩︎
  7. Siehe Anhang 2, Frage 20: Welche Probleme / Themen beschäftigen Sie und den Verlag derzeit bezüglich der Herstellung von E-Books? ↩︎
  8. Vgl. Forssman: Warum es Arno Schmidts Texte nicht als E-Book gibt. ↩︎

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