4.1 Hintergrund

4 Typografie

4.1 Hintergrund

Deutsche Publikumsverlage publizieren überwiegend in Segmenten, in denen lange Fließtexte vorherrschen, beispielsweise Erzählende Literatur und Spannung.1 Die Umfrageergebnisse zeigen, dass dieser Schwerpunkt auch für die Veröffentlichung von E-Books gilt. Für die Rezeption derartiger Texte bedarf es eines zeitaufwendigen, tiefen Lesens, das auch als lineares Lesen bezeichnet wird.2

Hinsichtlich der Typografie gelten für das Lesen am Bildschirm grundsätzlich alle Regeln klassischer Buchtypografie. So sollte die verwendete Schrift möglichst unauffällig sein und nicht von der Rezeption des Inhalts ablenken. Dieser Anspruch gilt insbesondere für das E-Book, da das Lesen auf den hinterleuchteten Bildschirmen von Smartphones und Tablets anstrengender und die Darstellungsqualität filigraner Details auf niedrig auflösenden, beleuchteten Displays eingeschränkter ist. Die Schrift darf die Effekte auf die Lesbarkeit eines Textes nicht unnötig verstärken, daher gelten für das E-Book teilweise sogar schärfere typografische Regeln als für das gedruckte Buch.3

Die verwendete Lesesoftware bietet häufig umfangreiche Einstellungsmöglichkeiten für das Lesen am Bildschirm, etwa die Veränderung der Schriftart, der Schriftgröße und der Hintergrundfarbe, die in die Verantwortung des Lesers fallen.4 Hinzu kommen die veränderten Bedingungen durch das Responsive Layout, das eine Kontrolle des Satzes lediglich im Rahmen eines Grobumbruchs erlaubt und den Einfluss auf die ästhetische Erscheinung des Textes von Seiten der Publikumsverlage mindert. Für die Verlagsbranche ist dieser Hoheitsverlust über den Satz und das Layout gänzlich neu, schließlich wurden sämtliche typografische Entscheidungen in der Herstellung eines gedruckten Buches zuvor von einem professionellen Buchgestalter getroffen.

4.1.1 Mikrotypografie

Unabhängig von der jeweiligen Publikationsform gelten für das lineare Lesen hohe Anforderungen an die Schrift, schließlich darf diese den Lesekomfort nicht stören oder gar behindern: Der Leser soll seine Aufmerksamkeit für das Rezipieren des Inhalts gebrauchen und nicht für die Entzifferung dessen Form verschwenden. Das unterscheidet einen lediglich leserlichen von einem lesbaren Text, auf dessen Inhalt sich der Leser uneingeschränkt konzentrieren kann – mit anderen Worten: Der Leser darf nicht merken, dass er liest.5 Dieser Anspruch gilt insbesondere dann, wenn das E-Book auf einem multifunktionalen Endgerät gelesen wird und ein Ablenkungsrisiko durch Konkurrenzmedien, beispielsweise in Form von Spielen, besteht.

Grundsätzlich ist die Lesbarkeit einer Schrift abhängig von der Genauigkeit des Textsatzes und den Unterscheidungsmerkmalen der Buchstabenformen: Je eindeutiger grafisch dargestellte Schriftzeichen, die sogenannten Glyphen, identifiziert werden, desto einfacher und schneller gelingt die Decodierung des Textes und die Einprägung häufig auftauchender Wortbilder. Ist die verwendete Schrift zu klein, verzögert das die Entzifferung; ist sie zu ex­t­ra­va­gant geformt, lenkt sie die Aufmerksamkeit ab. Drei Merkmale sorgen für ebendiese Unterscheidbarkeit und sind maßgeblich für die Lesbarkeit einer Schrift verantwortlich: die x-Höhe, der Strichstärkenkontrast und die Buchstabenform.6

Die x-Höhe oder Mittellänge definiert den Abstand zwischen der Grundlinie der Zeile und der Oberkante der kleinen Glyphen. Je größer die x-Höhe ist, desto mehr Raum bleibt für Informationen beziehungsweise eindeutig unterscheidbare Schnittdetails. Da Glyphen jedoch mehr Unterscheidungsmerkmale in ihrer oberen Körperhälfte aufweisen, ist eine übergewichtige x-Höhe im Verhältnis zur Oberlänge kleiner Glyphen, der sogenannten k-Höhe, hinsichtlich der eindeutigen Identifikation der Buchstaben gleichwohl hinderlich.7 Wichtig ist dieser Unterschied im Übrigen auch, weil das menschliche Auge einen Text mithilfe sprungartiger Augenbewegungen (Sakkaden) zwischen festen Punkten (Fixationen) von oben nach unten scannt und dabei buchstäblich über die Wörter springt.8 Darüber hinaus ist die subjektive Wahrnehmung der Schriftgröße maßgeblich abhängig von der x-Höhe, da die kleinen Glyphen in hohem Maße das Schriftbild prägen und der Leser den Text entscheidend anhand dieser erfasst.

Der Strichstärkenkontrast verhindert eine gleichförmige Erscheinung der Schrift durch unterschiedliche Strichstärken innerhalb einer Glyphe, beispielsweise in der differenzierenden Ausprägung horizontaler und vertikaler Linien. Ursprünglich entstand dieses Merkmal aus der Verwendung der Spitzfeder, die unterschiedlich dicke Strichstärken produziert.9 Da extreme Strichstärkenunterschiede bei längeren Texten jedoch ermüdend wirken, haben die meisten Leseschriften einen mittleren oder niedrigen Strichstärkenkontrast.10

In die Kategorie der Buchstabenform fallen beispielsweise die Innenräume der Glyphen – die sogenannten Punzen. Sie können offen oder geschlossen sein und tragen in ihren Variationen zur Differenzierung bei. Außerdem gehören hierzu die Ligaturen und Mediävalziffern, aber auch die verschiedenen Schriftschnitte. Üblicherweise haben Schriftfamilien mindestens vier verschiedene Grundschnitte mit unterschiedlicher Schriftstärke und Schriftlage: regular (normal), italic (kursiv), bold (fett) und bold italic (fettkursiv). Auch Serifen liefern zusätzliche Unterscheidungsmerkmale und verstärken die horizontalen Elemente der sonst auf vertikalen Linien basierenden Glyphen und sichern damit die visuelle Zeilenführung.11 Sie haben ihren Ursprung in den Ausläufen der in Stein gemeißelten, griechischen und römischen Lapidarschrift.12 Die sogenannten Serifenschriften sorgen deshalb für eine angenehme Lesbarkeit, insbesondere bei langen Texten, und sind entsprechend prädestiniert für das lineare Lesen.

4.1.2 Bildschirmdarstellung

Kleine Designeingriffe im Hinblick auf bessere Lesbarkeit einer Schrift sind nötig, wenn beispielsweise die Darstellungsfähigkeit gering auflösender Bildschirme nicht ausreicht, um filigrane Details eines Schnittes oder deren Unterscheidungsmerkmale hinreichend abzubilden.
Insbesondere eine niedrige Strichstärke oder eine geschwungene Serifenkehlung stellen schlecht auflösende Bildschirme vor Probleme. Im Extremfall muss dieser Nachteil im Bereich der Mikrotypografie über die Schriftgröße kompensiert werden. Üblicherweise werden für die Darstellung auf einem Bildschirm jedoch kleine Veränderungen an der Schrift vorgenommen: Sie wird digital optimiert, indem beispielsweise die Öffnung der Punzen oder die Vergrößerung der x-Höhe leicht angepasst werden. Grund dafür ist vor allem die schlechte Auflösung mancher Bildschirme.

Der E-Reader Tolino Page aus dem Jahr 2016 liefert auf einer Bildschirmdiagonalen von 15,24 cm eine Auflösung von 800 x 600 px (Pixel). Das entspricht einer Pixeldichte von 167 ppi (Pixel per Inch). Für die Darstellung eines Buchstabens in 12 pt (Punkt) mit 4,21 mm Höhe und 2,11 mm Breite für ein Halbgeviert stehen entsprechend lediglich ungefähr 31 Pixel zur Verfügung.13 Zum Vergleich: Das Tablet iPad Pro von Apple aus dem Jahre 2015 ist mit einer Auflösung von 2732 × 2048 px auf einer Bildschirmdiagonale von 32,78 cm und 264 ppi ausgestattet. Für die Darstellung eines Halbgevierts in 12 Punkt stehen damit circa 49 Pixel bereit. Das Smartphone iPhone 7 Plus – ebenfalls von Apple – kommt mit einer Auflösung von 1920 x 1080 px auf 13,94 cm Bildschirmdiagonalen und 401 dpi daher. Hier wird ein Halbgeviert gleicher Größe von ungefähr 74 Pixeln dargestellt.

Um Glyphen auch mit einer geringen Anzahl zur Verfügung stehender Pixel darzustellen, sind Browser und Betriebssysteme außerdem mit unterschiedlichen Technologien zur verbesserten Darstellung von Schrift ausgestattet: Buchstabenkonturen werden im Rendering-Verfahren mit grau abgestuften Pixeln gefüllt, um Kanten zu glätten und eine Schnittkurve zu suggerieren. Außerdem beinhalten Schriftdateien häufig Informationen über deren optimierte Darstellung – sogenannte Hints: Beispielsweise werden identische, vertikale Linien einer Schrift in einer exakten Pixelbreite abgebildet, um eine immer gleiche Strichstärke oder eine linke scharfe Kante der Glyphen ohne grauen Verlauf zu garantieren. Hints verbessern also das Rendering.14 Vereinzelt berechnet die Software das Rendering und Hinting für eine Schrift automatisch, während immer besser auflösende Bildschirme diese Technologien langfristig ihrer Überflüssigkeit preisgeben: In absehbarer Zeit wird Schrift auf einem Bildschirm besser abbildbar sein als auf Papier.

Aufgrund der erschwerten Darstellung infolge der geringen Pixeldichte und des teilweise erhöhten Leseabstands zum Display, werden für das Lesen am Bildschirm allerdings nach wie vor höhere Schriftgrößen verwendet und als besser lesbar wahrgenommen.15 Bei Druckerzeugnissen liegt die optimale Schriftgröße für Fließtext bei 8 bis 11 pt, das entspricht etwa 11 bis 15 px. Für das Lesen am Bildschirm liegt die Größe der Grundschrift hingegen zwischen 16 und 18 px, das entspricht einer Schriftgröße zwischen 12 und 13,5 pt.16

4.1.3 Makrotypografie

Die Gestaltungsregeln auf der Ebene des Satzes stammen ebenfalls aus der klassischen Buchtypografie und gelten nahezu uneingeschränkt auch für die Textdarstellung in E-Books: Ein enger Blocksatz hat sich für das mühelose Lesen langer Fließtexte etabliert, wobei automatische Trennungen für eine geringe Anzahl irritierender Lücken sorgen. Die Abhängigkeit zwischen Zeilenlänge und Zeilenabstand besteht auch in der digitalen Abbildung von Texten: Je länger die Zeilen eines Textes sind, desto größer muß der Zeilenabstand sein. Ungefähr 60 bis 70 Zeichen pro Zeile und 30 bis 40 Zeilen pro Seite gelten allgemein als ästhetisch und förderlich im Sinne der Lesbarkeit. Da die Darstellungsmöglichkeiten hinsichtlich der Abbildungsqualität nicht denen auf Papier entsprechen, gelten für das Lesen am Bildschirm auch hier leicht variierte Regeln hinsichtlich der Typografie: Die Laufweite der Glyphen ist leicht erhöht, außerdem ist der Zeilenabstand im Unterschied zu gedruckten Publikationen ebenfalls etwas größer.17

Ein beginnender Absatz am Fuß einer Kolumne („Schusterjunge“) oder ein auslaufender Absatz am Kopf dergleichen („Hurenkind“) sollten vermieden werden, ebenso wie die Trennung einer Überschrift und dem unmittelbar darauf folgenden Absatz.18 Die letztgenannten Regeln lassen sich in einem Reflowable Layout, in dem der Satz immer wieder neu an die Bildschirmgröße oder den Leserwunsch angepasst wird, nicht durch einen Feinumbruch wie während der Herstellung eines gedruckten Buches einhalten. In Form von Stylevorgaben definierte Rahmenbedingungen, die in einer CSS-Datei gespeichert sind, lösen dieses Problem.

4.1.4 Cascading Style Sheets (CSS)

Die CSS-Datei enthält die Stylevorgaben für die Darstellung des Inhalts und ergänzt XHTML-, aber auch XML-Dateien. Die Anweisungen stehen entweder innerhalb des XHTML-Kopfes als Element <style>, innerhalb eines Elementes als Attribut style oder aber – und das ist die Regel – in einem externen Stylesheet, das in einer eigenen Datei gespeichert ist und auf den Inhalt verweist. Diese Datei kann unabhängig von den Mediendateien bearbeitet und sofern erwünscht als Duplikat in mehrere E-Books implementiert werden, beispielsweise in Programmreihen oder gar allen digitalen Publikationen eines Publikumsverlags. Die CSS-Datei enthält einen Regelkatalog zur Interpretation von Daten, im Speziellen die bereits angesprochenen Gestaltungsbedeutungen der Textelemente, Informationen zur Schrift- und Hintergrundfarbe oder der Größe des Textrahmens.19

p {
    font-size: 1.0em;
    line-height: 1.3em; 
    orphans: 3;
    widows: 3; 
}   

h1 {
    page-break-after: avoid;
}

Dieser beispielhafte CSS-Code weist dem Absatzelement p – also einem normalen Absatz – verschiedene Regeln zu: Die Schriftgröße (Eigenschaft font-size) liegt mit 1 em auf der standardisierten Größe des verwendeten Endgerätes beziehungsweise der darauf verwendeten Software, wobei die Maßeinheit em zur Definition relativer Größen verwendet wird. Die Zeilenhöhe (line-height) wird auf 1.3 em festgelegt und ist damit von der individuell angepassten Schriftgröße (1 em) abhängig. Ein auf einer Seite beginnender oder endender Absatz muss aus mindestens 3 Zeilen bestehen: Damit werden „Schusterjungen“ (orphans) und „Hurenkinder“ (widows) vermieden. Das Absatzelement h1 steht nie allein am Ende einer Seite, weil ein anschließender Seitenumbruch (<page-break-after>) verhindert wird (Wert: <avoid>). Damit ist die Überschrift immer unmittelbar über dem zugehörigen Absatz positioniert. Mit weiteren Eigenschaften lassen sich komplexe Stylevorgaben für die Inhalte eines E-Books definieren, die dem Leser automatisch und unabhängig von dessen individuellen Einstellungen präsentiert werden.


  1. Vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels 2016: Umsatzanteile im Segment Belletristik im Buchhandel in Deutschland im Jahr 2015. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/166964/umfrage/umsatzanteile-belletristik-im-buchhandel-nach-sparten/ ↩︎
  2. Vgl. Forssman, Friedrich & Willberg, Hans Peter 2010: Lesetypografie. Mainz. 5. Auflage. Seite 17. ↩︎
  3. Vgl. Santa Maria, Jason 2016: Webtypografie (E-Book). Heidelberg. ↩︎
  4. Vgl. Henzler & Kern: Mobile Publishing. ↩︎
  5. Vgl. Forssman & Willberg: Lesetypografie. Seite 74. ↩︎
  6. Vgl. Forssman & Willberg: Lesetypografie. Seite 68. ↩︎
  7. Vgl. de Jong, Ralf & Forssman, Friedrich 2004: Detailtypografie. Nachschlagewerk für alle Fragen zu Schrift und Satz. Mainz. 3. Auflage. Seite 88. ↩︎
  8. Vgl. Forssman & Willberg: Lesetypografie. Seite 68. ↩︎
  9. Vgl. Wikipedia, Die freie Enzyklopädie 2015: Klassizistische Antiqua. https://de.wikipedia.org/wiki/Klassizistische_Antiqua ↩︎
  10. Vgl. Santa Maria: Webtypografie. ↩︎
  11. Vgl. Forssman & Willberg: Lesetypografie. Seite 74. ↩︎
  12. Vgl. Wikipedia, Die freie Enzyklopädie 2014: Lapidarschrift. https://de.wikipedia.org/wiki/Lapidarschrift ↩︎
  13. Vgl. de Jong & Forssman: Detailtypografie. Seite 81. ↩︎
  14. Vgl. Korap, Atilla 2016: Interview am 31.10.2016. (Siehe Anhang) ↩︎
  15. Vgl. Kulawik, Anna 2016: Typographical Dilemmas: The Experiment on Positive Online Reading Experience. https://uxplanet.org/typographical-dilemmas-the-experiment-on-positive-online-reading-experience-78e2f1897109#.38jodejof ↩︎
  16. Vgl. Santa Maria: Webtypografie. ↩︎
  17. Vgl. Forssman & Willberg: Lesetypografie. Seite 80. ↩︎
  18. Vgl. de Jong & Forssman: Detailtypografie. Seite 129. ↩︎
  19. Vgl. Wang: E-Books mit EPUB. Seite 103. ↩︎

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