3.4 Optimierung

3.4 Optimierung

3.4.1 Geringstes Übel

Angesichts starker Interdependenzen, hierarchischer Konstruktionen und monopolähnlichen Vertriebsstrukturen innerhalb des E-Book-Systems, an dessen chronologischem Anfang, aber ebenso hierarchischem Ende der Inhalt steht, bleibt Publikumsverlagen lediglich eine von Abhängigkeit geprägte Nebenrolle: Sie können akut eigentlich nur aus einer Fülle von suboptimalen Zuständen den Zustand des »geringsten Übels« auswählen1 und die E-Book-Herstellung lediglich minimal optimieren. Die Anpassungsprozesse an die shopspezifischen Vorgaben bleiben im gleichen Maße alternativlos wie die unfreiwillige Abhängigkeit von der Reaktionsgeschwindigkeit der Hardwarehersteller und dem Einlenken der Softwareanbieter existent ist. Immerhin ist die Motivation zum strategischen Wandel, sowie die Bereitschaft zu konstruktiver Kritik bei den dominierenden Marktakteuren Amazon und Tolino mittelfristig und langfristig nicht erkennbar. Direkte Handlungsempfehlungen im Sinne konkreter Lösungsansätze als Antwort auf die Formatfrage können unter diesen Voraussetzungen nicht formuliert werden.

Nichtsdestotrotz existiert die Möglichkeit eines minimalen Kompromisses: EPUB2-kompatible EPUB3-Publikationen erfüllen die shopspezifischen Auflagen hinsichtlich der Vermeidung multimedialen Inhalts, können aus technischer Perspektive auch von einem vermeintlich inkompatiblen E-Reader dargestellt werden und entsprechen dennoch dem aktuellen Formatstandard zur Prävention softwareseitiger Fehleranfälligkeit.2 Beispielsweise das Tracking des Leseverhaltens (Reader Analytics)3 ist derzeit ausschließlich mittels EPUB3 als Formatgrundlage möglich.4 Ungeachtet der Frage, ob Verlage auf diesem Wege Informationen über das Leseverhalten generieren sollten, wird die zunehmende Unzulänglichkeit des veralteten EPUB2-Formats an diesem Beispiel sehr deutlich. Über diesen Kompromiss hinaus muss das bisher verhaltene Engagement in Standardisierungsgremien und vergleichbaren Institutionen zukünftig als integraler Bestandteil eines progressiven Gestaltungswillens der gesamten Verlagsbranche verstanden werden.5 Außerdem ist ein automatisierter Prozessablauf, in dem die shopspezifischen Anpassungsprozesse durch automatisierte Workflows so wenig Mitarbeiter und Zeit binden wie nur irgend möglich, unter Beachtung der erwähnten Aspekte hilfreich und empfehlenswert.

Im Ursprung ist die Problematik hinter der Formatfrage das Resultat unzureichend ausgestatteter Hardware: Das aktuelle Dateiformat EPUB3 setzt Komponenten voraus, an denen es einem gewichtigen Teil der derzeit verwendeten Lesegeräte mangelt. In absehbarer Zeit wird deren Quote jedoch sinken: Die Absätze von E-Readern fallen;6 Der Umsatz mit Tablets ist weitgehend stabil;7 Der Absatz von Smartphones wächst kontinuierlich.8 Derzeit befinden sich circa 40 Millionen Tablets und 60 Millionen Smartphones im Umlauf.9 Zudem sagen die Prognosen das Ende monofunktionaler Lesegeräte voraus und damit insgesamt einen Trend hin zu EPUB3-kompatibler Hardware. Der Druck auf Software-Produzenten, die EPUB3-Spezifikationen in die eigene Firmware zu implementieren, wächst langfristig mit den steigenden Verkaufszahlen multifunktionaler Endgeräte.

3.4.2 Books in Browsers

Das Dilemma der Formatwahl ist über die Hardware hinaus längst zu einer softwareseitigen Angelegenheit geworden, die einzig auf der statischen Bor­niert­heit aller beteiligten Technologieakteure basiert und das gesamte E-Book-System maßgeblich beeinflusst: Die Software schützt sowohl veraltete als auch unzureichend ausgestattete Hardware und beschränkt die Auswahl des Dateiformats mittels monopolähnlichen Vertriebsstrukturen. Haben Publikumsverlage in Zukunft ein Interesse an multimedial angereicherten Publikationen beziehungsweise an den Funktionserweiterungen aktueller und standardisierter Formate, müssen sie die entwicklungshemmenden und hierarchischen Abhängigkeitsstrukturen des E-Book-Systems am sensiblen Punkt der Software aushebeln – im Grunde hat die Suche nach alternativen Publikationsformaten für deutschsprachige Publikumsverlage also längst begonnen.

Das aus der Kooperation zwischen IDPF und W3C entstandene Konzept der Books in Browsers ist aus Sicht verlegerischer Institutionen bezüglich der Vertriebsstruktur und Softwaredominanz besonders vielversprechend, weil es den Einfluss überlegener Marktakteure minimiert: Die veröffentlichten Titel werden im Unterschied zum E-Book nicht als Datei vertrieben, sondern als Microsite innerhalb einer Webanwendung inklusive Backlist-Datenbank im Internet publiziert; Leser rezipieren die dortigen Inhalte mithilfe aktueller Browser, die über die funktionserweiternden Spezifikationen aktueller Standardformate verfügen und die bisherigen, deutlich unterlegenen Leseanwendungen ersetzen.

„Damit befreit man das EPUB mit denselben Inhalten aus der Umklammerung uralter, proprietärer Implementierungen von E-Book-Marktplätzen, die keinerlei Eigeninteresse daran haben, nennenswerte technische Entwicklungen voranzutreiben.“10

Künftig kommen dadurch auch all jene Nutzer multifunktionaler Endgeräte in den Genuss medial angereicherter Publikationen, die bisher aufgrund mangelhafter Software davon ausgeschlossen waren. Die Einnahme mehrerer Systemkomponenten durch dominierende Marktakteure gehört folglich ebenso der Vergangenheit an wie die strategische Blockade auf der Grundlage monopolähnlicher Strukturen, schließlich haben Browseranbieter keinerlei Interesse am Schutz veralteter Hardware.

Um der Genauigkeit willen greift die Definition eines E-Books hinsichtlich des geschlossenen Dateiformats für Portable Web Publications nicht mehr. Die Komponente Format rückt an die Stelle der Datei und macht einen neuen Begriff für Publikationen nach dem Konzept der Books in Browsers außerhalb des E-Book-Systems erforderlich: Unter den eben beschriebenen Gegebenheiten werden diese folgend als Brooks (Komposition aus Browser und Books) bezeichnet.

Damit Publikumsverlage nicht nur die alleinige Kontrolle über die belletristischen Inhalte sondern auch über die technischen Komponenten hinsichtlich des Formats behalten, werden Brooks im Idealfall auf einem verlagseigenen Server gespeichert und in einer selbst entwickelten Webanwendung publiziert. Der verlegerische Handlungsspielraum vergrößert sich somit im gleichen Maße, in dem die Abhängigkeit der Publikumsverlage von Softwareanbietern beziehungsweise Hardwareherstellern und deren rück­wärts­ge­wandten Interessen abnimmt – im Grunde werden alle monopolbedingten Interdependenzen zwischen den einzelnen Komponenten gekappt: Sowohl die softwareseitigen Formatbeschränkungen als auch die obligatorischen Anpassungen an shopspezifische Auflagen entfallen; Das Einbinden von Media Queries inklusive entsprechender Maßnahmen zur Sicherung der Abwärtskompatibilität bei unzureichend ausgestattet Hardware ist unter diesen Voraussetzungen ebenso möglich. Die Reduktion von Abhängigkeit ist aus Sicht der Publikumsverlage ausschließlich positiv zu bewerten, schließlich ermächtigt sie selbige dazu, die Produktion digitaler Publikationen stärker aus der Perspektive des Inhalts sowie seiner optimalen Ausstattung zu organisieren und weniger mit Blick auf das jeweilige Endgerät des Nutzers beziehungsweise vertriebsstrukturelle Softwarebedingungen.

Auf technischer Ebene ergeben sich keine erheblichen Veränderungen, da das EPUB-Format ohnehin auf den standardisierten Webtechnologien HTML sowie CSS basiert und seine Struktur zudem bereits einer einfachen Website entspricht – E-Books sind im Grunde schon jetzt verpackte Microsites. Erheblichen Aufwand und eine bisher selten erforderliche Technologiekompetenz erfordert hingegen die Installation einer verlagseigenen, webbasierten Leseanwendung, schließlich muss eine technische Infrastruktur inklusive eigener Vertriebsplattform zunächst entwickelt und anschließend auf dem Markt etabliert werden. Große Verlagsgruppen in Deutschland, wie beispielsweise Bonnier, Random House oder Holtzbrinck, verfügen über finanzielle sowie strategische Mittel für ein derartiges Großprojekt und die Möglichkeit eine Applikation für mehrere gruppeninterne Verlagshäuser zu konzipieren.

Spätestens an diesem Punkt wird unübersehbar, dass die Entscheidungsgewalt über strategische Optimierungsmaßnahmen und konzeptionelle Umstrukturierungen diesen Ausmaßes weit außerhalb der Herstellungsabteilung konzentriert ist und deren Mitarbeiter demnach wenig Einfluss haben. Zudem bedarf es zur selbstbewussten Positionierung des jeweiligen Publikumsverlages im sich wandelnden Buchmarkt einer Einbettung des Vorgehens in ein umfangreiches Digitalkonzept, dessen Existenz in den allermeisten Fällen allerdings angezweifelt werden darf. Mit den technischen Möglichkeiten beziehungsweise dem Wegfall entsprechender Hindernisse wachsen jedoch externe Erwartungen an innovative Digitalprodukte, die den internen Wunsch nach sachlicher Aufklärung auf der Basis kollegialer Kommunikation und die Notwendigkeit einer entsprechenden konzeptuellen Einordnung nur verstärken. Grundsätzlich mangelt es der Tatsache, dass die vielversprechendste Optimierungsmaßnahme für die E-Book-Herstellung aus Sicht deutschsprachiger Publikumsverlage außerhalb des E-Book-Systems liegt, nicht an Aussagekraft.


  1. Hagenhoff: Produktpflege. Seite 229. ↩︎
  2. Vgl. Kern: Interview am 12.10.2016. ↩︎
  3. Vgl. The New York Times 2016: Moneyball for Book Publishers: A Detailed Look at How We Read. http://www.nytimes.com/2016/03/15/business/media/moneyball-for-book-publishers-for-a-detailed-look-at-how-we-read.html ↩︎
  4. Gröger, Katharina 2016: Der (un)bekannte Leser. http://www.boersenblatt.net/artikel-reader_analytics.1121894.html ↩︎
  5. Vgl. Hagenhoff: Produktpflege. Seite 231. ↩︎
  6. Vgl. Bitkom 2015: Absatz von E-Readern in Deutschland in den Jahren 2008 bis 2015 (in 1.000 Stück). https://de.statista.com/statistik/daten/studie/200364/umfrage/absatz-von-e-readern-in-deutschland-seit-2008/ ↩︎
  7. Vgl. Bitkom 2016: Absatz von Tablets in Deutschland von 2010 bis 2016 (in Millionen Stück). https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157928/umfrage/absatz-von-tablet-pcs-in-deutschland/ ↩︎
  8. Vgl. Bitkom 2016: Absatz von Smartphones in Deutschland in den Jahren 2008 bis 2016 (in Millionen Stück). https://de.statista.com/statistik/daten/studie/77637/umfrage/absatzmenge-fuer-smartphones-in-deutschland-seit-2008/ ↩︎
  9. Vgl. Kern: Interview am 12.10.2016. ↩︎
  10. Kern: Interview am 12.10.2016. ↩︎

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