3.3 Kritik

3.3 Kritik

Die Komponenten des E-Book-Systems sind – wie bereits in der Definition angedeutet – wechselseitig stark voneinander abhängig: Audio- und Videoinhalte funktionieren beispielsweise ausschließlich in einer EPUB3-Datei – die Auswahl des Inhalts hat also bereits Auswirkungen auf das erforderliche Dateiformat. Gleichzeitig beeinflussen auch die später verwendete Software der Leseumgebung und die vom Leser genutzte Hardware rückwirkend das produzierte Format, da die erforderliche Kompatibilität zwischen Inhalt, Datei, Software und Hardware lediglich unter bestimmten Voraussetzungen gegeben ist. Bei der Aktualisierung der Formatversionen von EPUB2 auf EPUB3 handelt es sich um eine disruptive Weiterentwicklung, die grundsätzlich keine Abwärtskompatibilität der E-Book-Datei garantiert. Mit anderen Worten: Bisher sind nur wenige Lesegeräte technisch überhaupt in der Lage, den Funktionsumfang eines E-Books im EPUB3-Format, zum Beispiel geskriptete, interaktive Elemente, überhaupt wiederzugeben.1 Die Herstellung und der Vertrieb des aktuellen Formatstandards EPUB3 kann aufgrund dieser unzureichend ausgestatteter Hardware und darüber hinaus wegen mangelhafter Software zur Exklusion einzelner Lesergruppen führen und beeinflusst damit indirekt die Selektion des Inhalts am Beginn der gesamten Produktion. Diese Interdependenz hat system- und marktrelevante Bedeutung, die die Sensibilität der Publikumsverlage im Umgang mit der Formatfrage erklärt.

3.3.1 Hardware

Die zur Rezeption von E-Books üblichen Lesegeräte lassen sich in zwei Kategorien unterteilen: Monofunktionale Lesegeräte, wie beispielsweise die sogenannten E-Reader, sind einzig zum Lesen am Bildschirm konzipiert und gelten damit als Prototyp einer E-Book-kompatiblen Hardware. Multifunktionale Endgeräte wie Smartphones und Tablets sind zwar auch zur Rezeption von E-Books geeignet, haben darüber hinaus und primär allerdings andere Funktionen als Mobiltelefon oder handlicher Computer. Die Bildschirme der E-Reader sind mit der sogenannten eInk-Technologie ausgestattet, die auch als Elektronisches Papier bezeichnet wird: Durch elektrische Spannung werden positiv geladene Pigmente in schwarzer Farbe und negativ geladene Pigmente in weißer Farbe in einer Flüssigkeit ausgerichtet, um das Lesen auf mit Tinte bedrucktem Papier nachzuempfinden. Inhalte können nicht farbig dargestellt werden; Der Bildaufbau eines eInk-Displays dauert 0,8 Sekunden.2

E-Reader sind zur Wiedergabe multimedialer Inhalte entsprechend völlig unzureichend ausgestattet: Der Bildaufbau liegt weit über der für das menschliche Auge nötigen Abfolge von mindestens 16 Bildern innerhalb einer Sekunde zur Wahrnehmung eines Bewegtbildes; Monofunktionale Endgeräte verfügen nur äußerst selten über einen Audioausgang; Die Prozessorleistung eines E-Readers ist zu gering, um geskriptete Inhalte verarbeiten beziehungsweise wiedergeben zu können. Der Einsatz von Audio-, Video- und interaktiven Elementen – die zentrale Funktionserweiterung durch EPUB3 – sind auf einem E-Reader damit ausgeschlossen. Diese waren und sind als Lesegeräte zur Wiedergabe einfacher Plain E-Books im EPUB2-Format konzipiert und ausschließlich als solche geeignet: Wirklich anspruchsvolle Enhanced E-Books werden auf den eInk-Readern nie stattfinden.3

Multimedial angereicherte E-Books im EPUB3-Format funktionieren lediglich auf Smartphones und Tablets. Das dort verbaute liquid crystal display (LC-Display) beeinflusst die Polarisationsausrichtung von Licht mithilfe von Flüssigkristallen bei permanenter elektrischer Spannung, ist dadurch weitaus reaktionsschneller als ein eInk-Display und bildet Inhalte zudem farbig ab.4 So können filigrane Animationen und hochaufgelöste Videos dargestellt werden. Multifunktionale Endgeräte verfügen außerdem über einen Audioausgang zur Wiedergabe von Audioelementen und sind aufgrund höherer Prozessorleistung technisch fähig, geskriptete Inhalte abzubilden. Im Gegensatz zu E-Readern haben Smartphones und Tablets jedoch deutlich geringere Akku-Laufzeiten – immerhin ist eine permanente Spannung nötig – und höhere Anschaffungspreise infolge leistungsfähigerer Komponenten wie Display und Prozessor. Besonders digitale Vielleser, die nicht zum Kauf eines teuren Endgeräts bereit sind, Wert auf die papierne Anmutung beim Lesen eines E-Books legen und auf multimedial angereicherte Publikationen verzichten können, bevorzugen Plain E-Books und E-Reader trotz ihrer technischen Unzulänglichkeit. In Deutschland befinden sich Schätzungen zufolge derzeit etwa sieben Millionen eInk-Geräte im Umlauf.5

Diese große, kaufkräftige und damit relevante Zielgruppe erreichen Publikumsverlage also durch E-Books im EPUB2-Format zufriedenstellend – und das im Hinblick auf die mangelhafte Aufwärtskompatibilität der verwendeten E-Reader zudem ausschließlich: Die exklusive Herstellung von EPUB3-Produkten wäre für diese große Leserschaft gleichbedeutend mit der unfreiwilligen Anschaffung eines leistungsfähigeren, multifunktionalen Endgerätes. Verlage üben daher nachvollziehbarer Weise keinen derartigen Druck auf ihre Digitalleser aus. Die technische Einschränkung durch die Hardware, die einer erzwungenen Missachtung, beziehungsweise Vernachlässigung des aktuellen Formatstandards EPUB3 gleichkommt, spiegelt sich indirekt im Angebot der Publikumsverlage wider: Diese verzichten auf ein umfangreiches Angebot im EPUB3-Format und damit größtenteils auch auf angereicherte E-Books, um ein Format zu produzieren, das mit allen Lesegeräten kompatibel ist, und um eine parallele Herstellung von EPUB2 und EPUB3 aus Prak­ti­ka­bi­li­tätsgründen hinsichtlich umständlicher Prozessabläufe zu vermeiden – das haben die Umfrageergebnisse gezeigt. Offenbar ist das kalkulierte Risiko einer exkludierenden EPUB3-Formatproduktion in Bezug auf den E-Book-Absatz zu groß, als dass Publikumsverlage auf das seit nunmehr über zwei Jahren veraltete Format EPUB2 verzichten können. Gleichzeitig haben auch die Leser offenbar wenig Interesse an Enhanced E-Books, wie Fabian Kern konstatiert:

„Für 90% der Verlage kann EPUB3 entweder viel zu viel oder zu wenig: Richtig viele Verlagsprodukte brauchen diesen Multimedia-Schnickschnack nicht, zum Beispiel der überwiegende Teil aller Belletristiktitel (…) und es gibt weder von Verlagsseite noch von Leserseite irgendein begründetes Interesse, die weiter aufzupeppen.“6

3.3.2 Software

Auch auf der Ebene der Software ist die Verwendung des aktuellen Formatstandards stark eingeschränkt: Viele Leseumgebungen unterstützen die EPUB3-Funktionserweiterungen nicht.7 Unter Umständen ist die Rezeption eines E-Books im EPUB3-Format selbst dann ausgeschlossen, wenn es sich beim verwendeten Endgerät um eine technisch kompatible Hardware handelt. Gemeinsam mit einer Reihe internationaler Software-Firmen und Verlagen hat das International Digital Publishing Forum daher das Readium-Projekt ins Leben gerufen. Das formulierte Ziel – eine Reader-Software inklusive Implementierung des aktuellen EPUB3-Standards unter freier Lizenz – wurde mit der Readium SDK Version 1.0 bereits im Januar 2015 erreicht.8 Neben internationalen Internetunternehmen wie Adobe und Google war mit der Deutschen Telekom auch ein Mitglied der für den Tolino verantwortlichen Tolino-Allianz an dem Projekt beteiligt. Dennoch ist die dortige Infrastruktur bisher nicht EPUB3-kompatibel, da sie auf einem System von Adobe basiert, das die EPUB3-Spezifikationen nicht enthält – absurderweise obwohl auch Adobe am Readium-Projekt beteiligt war.

Aus zwei Beweggründen hat Tolino mutmaßlich bisher auf eine eigene, EPUB3-implementierte Softwarelösung auf der Grundlage von Readium verzichtet: Eine derart aufwendige Strukturveränderung erfordert umfangreiche Investitionsleistungen und erheblichen organisatorischen Aufwand; Außerdem ist die programmseitige Integration der EPUB3-Spezifikationen letztlich nur für jene Lesegeräte relevant, die aufgrund ihrer technischen Ausstattung überhaupt zur Darstellung multimedialer Inhalte fähig sind. Mit anderen Worten: Die Implementierung des EPUB3-Formats hätte für die Nutzer sämtlicher E-Reader keine Auswirkungen und Vorteile. Als Hardware-Hersteller hat die Tolino-Allianz zudem gar ein Interesse am Fortbestand des veralteten EPUB2-Formats, schließlich garantiert die proprietäre Reader-Software die Funktionalität neuwertiger, aber technisch eingeschränkter E-Reader aus dem eigenen Hause und „schützt“ diese vor dem überlegenen Formatstandard EPUB3. Selbst der Einsatz von Media Queries, der für ebendiesen Fall zur Wahrung der Abwärtskompatibilität entwickelten EPUB3-Spezifikationen, ist systemseitig aufgrund der mangelhaften Implementierung im Adobe Reader Mobile Software Development Kit (RMSDK) ausgeschlossen – lediglich E-Books im EPUB2-Format oder EPUB3-Publikationen ohne multimediale Inhalte erhalten Einlass in das Tolino-Ökosystem.9 Mögen die Gründe für diese Restriktionen teilweise auch nachvollziehbar sein – die Allianz verhindert eindeutig die Etablierung des aktuellen Formatstandards EPUB3 in Deutschland: Die Tolino Lese-App für iOS- und Android-Geräte, die im Oktober 2016 veröffentlicht wurde, enthält beispielsweise keine EPUB3-Spezifikationen, obwohl die Zielgeräte, nämlich Smartphones und Tablets, zu deren Darstellung fähig sind.

In ähnlicher Weise verhält sich auch Amazon: Infrastruktur und Kundenservice sind in der dortigen Leseumgebung so konzipiert, dass die Abwärtskompatibilität aller Inhalte höchste Priorität genießt und unabhängig von den technischen Voraussetzungen der mit der Zeit leistungsfähiger gewordenen Endgeräte existiert – der Leser soll alle E-Books auf allen Lesegeräten rezipieren können.10 Auch hier gilt die Software unabhängig von der Hardware für alle Produkte und wird entsprechend zur fundamentalen Hürde der Etablierung eines weiter entwickelten, funktionaleren E-Book-Formates.

Aus einer ursprünglich hardwareseitigen Einschränkung ist somit eine softwarebasierte Problematik geworden – bedingt durch die enge Verzahnung der Systemkomponenten Datei, Software und Hardware: Immerhin treten die E-Book-Anbieter Amazon und Tolino jeweils auch als Software- und Hardwareproduzenten auf, koppeln diese Elemente in proprietären Vertriebssystemen beziehungsweise obligatorischen Nutzungsbedingungen ihrer Marktplätze aneinander und dominieren auch auf diese Weise den E-Book-Markt in Deutschland mit einem Anteil von jeweils etwa 40% derart, dass von monopolähnlichen Strukturen gesprochen werden kann.11 In beiden Ökosystemen wird die Verwendung jüngerer, aktuellerer Dateiformate teilweise hardwareseitig, vehement auch softwareseitig zum Schutz unzureichend ausgestatteter Lesegeräte verhindert, schließlich profitieren beide als Hardware-Produzenten nach wie vor am Absatz neuwertiger, aber technisch veralteter E-Reader und deren uneingeschränkter Nutzbarkeit. Außerdem liegt damit der Verdacht der ganzheitlichen, systematischen Behinderung des gesamten Publikationsmediums E-Book nahe, immerhin verdienen die Buchhändler der Tolino-Allianz und auch der Online-Versandhändler Amazon in Deutschland nach wie vor mehr am Verkauf gedruckter Bücher.

Apple hält Amazon und Tolino gegenüber ungefähr sechs bis acht Prozent des Marktes, ist einer vollständigen Implementierung der EPUB3-Spezifikationen in die eigene Leseumgebung iBooks bisher jedoch am nächsten gekommen.12 Dieses Ökosystem ist damit die einzig relevante Plattform für multimedial angereicherte E-Books, weil die dortigen Kunden neben einer kompatiblen Software in jedem Fall auch die zur EPUB3-Darstellung fähigen Hardware-Geräte, wie beispielsweise das iPad oder das iPhone, nutzen, wenngleich der Markt nur marginal und damit irrelevant für aufwendige Produktionen seitens der Publikumsverlage ist.

Die großen Marktplatzanbieter schützen ihre Ökosysteme zusätzlich, indem sie den Upload von Verlagspublikationen an strenge Auflagen knüpfen und diesen bei Verstößen unterbinden. Ein Ausfall auf den dominierenden Rezipientenmärkten ist für Publikumsverlage wegen entsprechender Umsatzeinbußen gleichbedeutend mit einem herben Verlust. Daher fügen sie sich den Auflagen der Distributionsplattformen und nehmen aufwendige, shopspezifische Anpassungsprozesse in Kauf, die bis zu 80% der gesamten E-Book–Produktion in der Herstellungsabteilung ausmachen und daher zurecht bereits als technische Plattform-Dienstleistungen13 gelten.14 Insofern ist der durchaus hehre Anspruch, dass ein sauberes ePUB nach wie vor geräteunabhängig funktionieren sollte und keine spezielle »Tricks« [sic] angewendet werden15, zwar wünschens-, aber keinesfalls empfehlenswert – geschweige denn der gängigen Praxis entsprechend.

3.3.3 Pinguin-Effekt

Die Produktion anspruchsvoller, multimedialer E-Books ist aufwendig, immerhin werden Geschichten medial innovativ erzählt, Inhalte entsprechend kostenintensiv produziert und differenziert vermarktet. Ungeachtet der Frage, ob Publikumsverlage für derartige Publikationen die nötigen Kernkompetenzen besitzen oder sich diese zu eigen machen sollten – Enhanced E-Books versprechen keinen großen Umsatz, schließlich sind sie nur für einen marginalen Marktanteil relevant. Für die überwiegende Anzahl belletristischer Publikationen deutschsprachiger Publikumsverlage sind außerdem keinerlei Funktionserweiterungen durch EPUB3 nötig, da es sich um digitalisierte Printinhalte handelt – das haben die Umfrageergebnisse ebenfalls ganz deutlich gezeigt.

Daraus resultiert ein Teufelskreis, in dem sich mehrere Faktoren gegenseitig verstärken und Anpassungsprozesse der Bestandswahrung anstatt der Weiterentwicklung dienen: Die Verlage sind auf die Sicherung der Abwärtskompatibilität ihrer E-Books bedacht, können den Großteil ihrer Digitaltitel hinsichtlich ihrer Anforderungen offenbar auch im EPUB2-Format publizieren und produzieren Inhalte erst dann in einem disruptiv weiterentwickelten Format, wenn dadurch kein Nachteil für die eigenen Leser entsteht und sich der gesteigerte Produktionsaufwand auch finanziell lohnt; Für die Software- und Hardwarehersteller besteht kein Handlungsbedarf der Anpassung an den aktuellen Formatstandard solange sich monofunktionale Lesegeräte erfolgreich verkaufen lassen, damit ein Großteil der Lesegeräte lediglich EPUB2-kompatibel ist und obendrein noch von einer Software geschützt wird, die EPUB3-Formate nicht akzeptiert. Gleichzeitig setzen Verlage für ihre publizierten Inhalte nur in verschwindend geringen Mengen auf anspruchsvolle Funktionserweiterungen, weil deren Leser mutmaßlich kein gesteigertes Interesse an ihnen haben – möglicherweise wiederum aus Mangel an beeindruckenden und erfolgreichen Anschauungsbeispielen. In vielerlei Hinsicht besteht eine allgemeine Pattsituation.

In der Netzwerktheorie hat sich für diese Situation der Pinguin-Effekt als Begriff etabliert: Aus Angst vor Raubtieren im Wasser warten hungrige Pinguine den Sprung eines Artgenossen ab, um das Gefahrenpotential des eigenen Sprungs zu kalkulieren. Übersteht der erste Pinguin seinen Versuch unbeschadet, folgen die anderen.16 Einige Verlage haben vergleichbar mit diesem Phänomen bereits erste Gehversuche auf dem Feld der Enhanced E-Books gewagt und sind vorerst an Reichweite und Umsatz gescheitert17 – ein Signal für die übrigen Publikumsverlage, es dabei bewenden zu lassen. Offensichtlich bedarf es weiterer Sprünge ins sprichwörtlich „kalte Wasser“ und einer größeren Gruppe involvierter Verlage mit ambitionierten Projekten. Immerhin ändern Leser aufgrund einer einzelnen, noch so erfolgreichen belletristischen Multimedia-Publikation nicht ihr Mediennutzungs- und Leseverhalten, ebensowenig wie Software- und Hardwarehersteller sich von wenigen innovativen Digitalprodukten der publizierenden Institutionen derart stark beeindrucken lassen, dass sie ihre systematische Blockade überdenken und ihre strukturellen Hindernisse nachhaltig reduzieren.

Das E-Book-System ist geprägt von starker Interdependenz und hierarchischer Struktur, in der einzelne Komponenten, im Speziellen Software und Hardware, vor allem den Inhalt einschränken. Das Abhängigkeits- und Machtverhältnis funktioniert dabei progressiv beziehungsweise asymmetrisch zur zeitlichen Verwendung: Je später eine Komponente zum Einsatz kommt, desto relevanter ist sie für die zuvor beteiligten. Der Inhalt – eigentlich zentraler Bestandteil verlegerischer Publikationen – verliert im gleichen Maße systemrelevante Bedeutung, wie die Hardware als Ursprung der beschriebenen Problematik und die Software durch intendiert exkludierende Mechanismen an Einfluss gewinnen, immerhin droht bei Nichtbeachtung dieser Komponenten die Exklusion großer Nutzergruppen. Monopolähnliche Strukturen in Deutschland potenzieren dieses Machtgefälle: Amazon und Tolino kontrollieren allein vier Fünftel des Marktes, positionieren sich im Sinne eines proprietären Ökosystems nicht nur als Software- und Hardwarehersteller sondern auch als Marktplatzanbieter für den Vertrieb von E-Books und diktieren den Publikumsverlagen mittels anspruchsvoller Forderungen das Format der Komponente Datei. Derart defensiv platziert fügen sich Publikumsverlage aus Sorge um die eigenen Umsatzzahlen diesen Vorgaben und nehmen im Zusammenspiel mit solch dominanten Marktakteuren im Bereich des digitalen Publizierens ihre Nebenrolle ein.

Für Publikumsverlage ist diese systemische Abhängigkeit gänzlich neu, schließlich mussten sie sich anderen Marktakteuren nie unterordnen – im Gegenteil. Die Buchpreisbindung für Printpublikationen entstand beispielsweise aus einer Absprache auf Augenhöhe mit dem Buchhandel: Verlage verzichteten auf den Eigenvertrieb und bepreisten ihre Bücher fortan verbindlich für den Handel selbst. Die Welt des digitalen Publizierens hält für verlegende Institutionen demgegenüber bisher eher nachteilige Abhängigkeitskonstellationen als gleichberechtigte Marktdynamiken bereit. Diese ungewohnte Situation widerspricht dem traditionellen Selbstverständnis belletristischer Publikumsverlage und insbesondere die vermeintliche Aussicht, den systemischen Marktstrukturen am Ende einer jahrelangen Entwicklung – zu Ungunsten der eigenen Ansprüche und Erwartungen – nichts entgegensetzen zu können, provoziert Frustration und mündet in der Resignation vieler Verlagsmitarbeiter, die sich in ihrer bereits erwähnten Digitalisierungsangst bestätigt fühlen. Aus dieser Perspektive erscheint das Buch tatsächlich attraktiver als das E-Book.


  1. Vgl. Hagenhoff: Produktpflege. Seite 232. ↩︎
  2. Vgl. Grünewald, Hannah: Vom Manuskript zum E-Book. Ausgabe-/Lesegeräte. In: Fedtke, Stephen & Reinerth, Lisa (Hrsg.) 2012: Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books. Ein pragmatischer und zielorientierter Leitfaden für die Zukunft des digitalen Buches. Wiesbaden. Seite 151. ↩︎
  3. Kern: Interview am 12.10.2016. ↩︎
  4. Vgl. Grünewald: Vom Manuskript zum E-Book. Ausgabe-/Lesegeräte. Seite 152f. ↩︎
  5. Vgl. Kern: Interview am 12.10.2016. ↩︎
  6. Kern: Interview am 12.10.2016. ↩︎
  7. International Digital Publishing Forum (IDPF) 2016: Reading System Evaluations. http://epubtest.org/testsuite/epub3/ ↩︎
  8. Readium Foundation 2015: Readium SDK Reaches Version 1.0. http://readium.org/news/readium-sdk-reaches-version-10 ↩︎
  9. Vgl. Kern: Interview am 12.10.2016. ↩︎
  10. Vgl. Kern: Interview am 12.10.2016. ↩︎
  11. Vgl. buchreport: Marktanteile von Amazon Kindle und Tolino am E-Book-Markt in Deutschland vom 2. Quartal 2013 bis zum 3. Quartal 2014. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/417280/umfrage/marktanteile-der-e-book-haendler-in-deutschland ↩︎
  12. Vgl. Kern: Interview am 12.10.2016. ↩︎
  13. Lobo: Allgemeine Feststellungen zur Buchsituation. ↩︎
  14. Vgl. Kern: Interview am 12.10.2016. ↩︎
  15. Wang: E-Books mit EPUB. Seite 19. ↩︎
  16. Vgl. Hagenhoff: Produktpflege. Seite 234. ↩︎
  17. Vgl. Kern: Interview am 12.10.2016. ↩︎

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