3.1 Hintergrund

3 Format

3.1 Hintergrund

Als Teil des komplexen E-Book-Systems ist die Datei als eigentliches E-Book und ihr Format abhängig von anderen Komponenten. Die verwendete Software, die benutzte Hardware, zunächst aber vor allem die gespeicherten Inhalte beeinflussen die Beschaffenheit des E-Books.

Verfügt ein E-Book lediglich über Bild- und Textinhalte, wird es als straight reading beziehungsweise Plain E-Book bezeichnet.1 Daneben kann ein E-Book auch Audio- oder Videomaterial, (interaktive) Animationen und Visualisierungen, beispielsweise durch das Einbinden dynamischer Javascript-Elemente, enthalten. In diesem Fall spricht man von einem Enhanced E-Book, das allerdings nur in einem weiterentwickelten, funktionaleren Format gespeichert werden kann als eine lediglich aus Textelementen bestehende Publikation. Je nach Ausstattung sind also unterschiedliche Formate erforderlich, die ihrerseits wiederum von den verwendeten Software- und Hardware-Komponenten abhängig sind – beziehungsweise umgekehrt.2

3.1.1 Portable Document Format (PDF)

PDF ist ein weit verbreitetes, freies Dateiformat, dessen Inhalte auf festen Seiten fixiert (Fixed Layout) gespeichert und ausgegeben werden – ganz gleich, mit welchem Betriebssystem, welcher ausführenden Software und welchem Endgerät die Datei später geöffnet wird. Aus diesem Grund werden beispielsweise die Druckdaten für ein Buch im PDF-Format an die Druckerei geliefert. Im Digital Publishing kommt das PDF häufig im wissenschaftlichen Bereich zum Einsatz aufgrund der in diesem Bereich gesteigerten Anforderungen an das Layout komplexer Dokumente.3

Neben reinen Textelementen kann ein PDF auch Audio- oder Videoinhalte, Verlinkungen, Schriften, Vektorgrafiken und Metadaten enthalten, entsprechend ermöglicht das PDF-Format auch umfangreiche und anspruchsvolle Projekte. Das PDF eignet sich zudem besonders für E-Books, da jedes Betriebssystem und alle mobilen Endgeräte über die nötige Software zum Öffnen des Formats verfügen.4

Die im PDF gespeicherten Inhalte werden möglicherweise jedoch aufgrund ihres fixierten Layouts unleserlich auf dem Bildschirm dargestellt – zu klein oder zu groß – und müssen für eine individuelle Darstellung zunächst per Zoom angepasst werden. Interaktive Inhalte, sowie Farben und Schatten werden in einem PDF oft nicht korrekt dargestellt. Zwar handelt es sich hierbei weniger um ein Problem des gespeicherten Formats als mehr des verwendeten Endgerätes, dass die Hardware beziehungsweise dessen Software die Datei innerhalb des E-Book-Systems beschränkt, gehört jedoch zu einer elementaren Problematik, die auch in den folgenden Kapiteln eine erhebliche Rolle spielen wird.5

3.1.2 Electronic Publication (EPUB)

Der offene Standard EPUB (Akronym für electronic publishing) wurde von der Handels- und Standardisierungsorganisation International Digital Publishing Forum (IDPF) entwickelt. Die darin gespeicherten Inhalte werden im Reflowable Layout dargestellt. Damit ist die dynamische Anpassung des Inhalts an die Bildschirmgröße des Endgerätes gemeint, im Webdesign unter dem Begriff des Responsive Design bekannt. Das Format eignet sich aus diesem Grund besonders für textlastige Dokumente, wie beispielsweise belletristische Literatur, bei der eine definierte Seitenanordnung nicht zwingend erforderlich ist. Im Wesentlichen basiert EPUB auf der Technologie der Extensive Markup Language (XML), sowie auf der Hypertext Markup Language (HTML) und den Cascading Style Sheets (CSS), die alle vom World Wide Web Consortium (W3C) als Standards definiert sind.6 Das Format ähnelt dadurch in seiner Struktur einer Homepage: E-Books sind im Grunde verpackte Websites im geschlossenen Containerformat. Die Architektur eines EPUB regeln drei Standardspezifikationen.7

  • Das Open Packaging Format (OPF) beschreibt und determiniert die Mechanismen, mit denen die Elemente des E-Books untereinander korrelieren. Dazu gehören beispielsweise Informationen zur Navigationsstruktur und Anzeigeoptionen bei Hardware-Inkompatibilität sowie ein Inhaltsverzeichnis und Metadaten. Außerdem enthält es Hinweise über optional eingebettete Elemente, wie beispielsweise Schriften.8
  • Die Open Publication Structure (OPS) beschreibt einen Standard zur Darstellung der Inhalte. Sie definiert Richtlinien, mit denen die Wiedergabegenauigkeit, die Zugänglichkeit und eine adäquate Darstellung der Elemente gewährleistet werden. Das Ziel ist die einheitliche Beschreibung des Inhalts durch alle Produzenten digitaler Publikationen über die Grenzen der Lesesysteme und ihrer Hardware hinweg. Die Auszeichnungssprachen HTML zur Strukturierung der Inhalte und CSS zur Anpassung des Layouts sind zugelassen.9
  • Das Open Container Format (OCF) definiert die Anordnung und Speicherung innerhalb der Datei. Das obligatorische Container-Format ist ZIP, ebenfalls ein offener Standard.10

Die Version EPUB 2.0.1 (EPUB2) wurde im September 2007 veröffentlicht, im Mai 2010 vom IDPF standardisiert und bereits im Oktober 2011 durch die Version EPUB 3.0.1 (EPUB3) abgelöst: Seit Juni 2014 ist EPUB3 der aktuelle, anerkannte Standard. EPUB2 gilt seitdem als veraltet und wird nicht mehr aktualisiert.11 Die grundlegenden Unterschiede zwischen EPUB2 und EPUB3 betreffen die Open Publication Structure, genauer die empfohlenen Formatstandards. Der neue Standard beinhaltet HTML5-Spezifikationen und teilweise CSS3. Dadurch sind die Gestaltungsspielräume größer und verschiedene Funktionserweiterungen möglich.12

  • Audio- und Videodateien werden in EPUB3 unterstützt. Media Queries weisen alternative Darstellungen aus, für den Fall, dass das verwendete Endgerät einzelne Funktionen nicht unterstützt. Kann ein Endgerät keine Videos abspielen, werden diese nicht angezeigt und die Abwärtskompatibilität gewahrt. Außerdem ist eine synchrone Ausgabe mehrerer Inhalte durch Media Overlays möglich, beispielsweise eine Textanzeige kombiniert mit einer Audioausgabe innerhalb einer Vorlesefunktion.
  • Durch Javascript und MathML können komplexe Inhalte in EPUB3 eingebunden werden, zudem ist die Barrierefreiheit deutlich verbessert. Die neue Formatversion unterstützt das Lesen von rechts nach links ebenso wie die Darstellung typografischer Feinheiten, beispielsweise in asiatischen Sprachen. Außerdem bringt EPUB3 eine verbesserte Navigation, weitere Metadaten und ein Fixed Layout: EPUB Fixed Layout (EPUB FL) ähnelt PDF.

3.1.3 Kindle Format 8 (KF8)

MOBI ist ein proprietäres Dateiformat von Amazon, das ebenfalls das Reflowable Layout ermöglicht. Die Weiterentwicklung Kindle Format 8 (KF8) wurde Ende 2011 veröffentlicht, trägt die Dateiendung .azw3 und wird daher oft ebenso bezeichnet.13 KF8 basiert ähnlich wie EPUB3 auf HTML5 und CSS mit zusätzlichen, nicht-standardisierten Eigenschaften. Daher sind grundsätzlich die gleichen Funktionserweiterungen möglich wie durch die Umstellung von EPUB2 auf EPUB3 – feine Unterschiede zum EPUB3 gibt es dennoch.14

  • Für das Erstellen von Comics hat Amazon den Kindle Comic Creator entwickelt und für eine optimierte Darstellung Panel Views integriert. Einzelne Comic-Panels werden somit vergrößert auf dem Bildschirm dargestellt.
  • Mithilfe des Kindle Text Pop Up kann ein Textelement, beispielsweise in einem Kinderbuch, deutlich hervorgehoben werden.
  • Ein Fixed Layout ist wie auch im EPUB3-Format möglich. Javascript ist dagegen nicht integriert, das Einbinden dynamischer Inhalte damit nicht möglich.

Die Amazon-Formate können kostenlos und automatisch aus EPUB-Formaten erstellt werden. Die Entwicklung eigener E-Book-Formate gehört zum Konzept des proprietären Ökosystems von Amazon, um auch die Distribution auf den eigenen Endgeräten zu kontrollieren: Sowohl die Verwendung proprietärer Dateiformate innerhalb der eigenen Leseumgebung als auch die Nutzung der zugehörigen Software auf den Amazon-Lesegeräten sind obligatorisch. Mit anderen Worten: Ein EPUB – egal in welcher Formatversion – lässt sich auf einem Lesegerät von Amazon nicht öffnen. Auch eine innerhalb dieses proprietären Ökosystems aufgebaute Bibliothek kann nicht auf dem Lesegerät eines Konkurrenzunternehmens gelesen oder in ein anderes System übertragen werden.15

3.1.4 Portable Web Publications (PWP)

Das IDPF und das W3C kooperieren seit 2010 miteinander. Aus dieser Zusammenarbeit entstand die Digital Publishing Interest Group (DIGPUB IG), die an der Fortsetzung eines Standards für digitale Publikationen, dem Portable Web Publications (PWP), arbeitet. PWP wird dabei lediglich als eine Richtlinie für die zukünftigen Entwicklungen der Arbeitsgruppe verstanden. Der grundsätzliche Ansatz des Konzeptes ist die Verlagerung des Contents vom geschlossenen EPUB-Format in eine Webanwendung, die über gewöhnliche Browser erreichbar ist und daher auch als Books in Browsers bezeichnet wird: Publizierte Inhalte sind direkt auf einfachen Homepages im Internet, sogenannten Microsites, rezipierbar und sowohl online als auch offline durch vorheriges Herunterladen und Speichern abrufbar. Im Grunde handelt es sich bei dieser Publikationsform nicht mehr um ein geschlossenes Dateiformat sondern um ein webfähiges Format innerhalb einer Softwareanwendung und damit per Definition nicht mehr um ein E-Book – warum das Konzept der Books in Browser dennoch produktive Anknüpfungspunkte an die Herstellung digitaler Publikationen bietet, zeigen die Ausführungen in den anschließenden Kapitel. Die Social Reading-Plattform Sobooks funktioniert bereits nach dem Prinzip der Books in Browser; In der Vergangenheit hat das Imprint Pelican Books außerdem bereits ein interessantes, konzeptionelles Beispiel vorgelegt.16

Die Arbeitsgruppe DIGPUB IG hat bisher einige technische Anforderungen für die Publikation digitaler Texte fixiert, damit CSS3 beeinflusst und somit indirekt den Funktionsumfang von EPUB erweitert. Beispielsweise hat sie an der Handhabung von Anfangsbuchstaben, Initialen, Kolumnentitel und Fußzeilen, aber auch an der Etablierung des Web Accessibility Initiative – Accessible Rich Internet Applications (WAI-ARIA), einer Initiative zur Barrierefreiheit von Webinhalten, gearbeitet. Bisher kamen die Entwicklungen zwar auch dem aktuellen Standard EPUB3 zugute, die Kooperation zwischen IDPF und W3C offenbart jedoch eine deutliche Entwicklung im Bereich des digitalen Publizierens, die wegführt vom geschlossenen Containerformat des EPUB und hin zu einer offenen, variablen, webbasierten Version des Inhalts auf der Grundlage standardisierter und offener Formate im Internet.17


  1. Vgl. Graef: Recht der E-Books und des Electronic Publishing. Seite 4. ↩︎
  2. Vgl. Henzler, Harald & Kern, Fabian 2014: Mobile Publishing (E-Book). Berlin/Boston. ↩︎
  3. Vgl. Apel, Yves 2014: E-Books mit InDesign CC (E-Book). Heidelberg. ↩︎
  4. Vgl. Görlich, Robert: Vom Manuskript zum E-Book. Datenformate. In: Fedtke, Stephen & Reinerth, Lisa (Hrsg.) 2012: Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books. Ein pragmatischer und zielorientierter Leitfaden für die Zukunft des digitalen Buches. Wiesbaden. Seite 109ff. ↩︎
  5. Vgl. Apel: E-Books mit InDesign CC. ↩︎
  6. Vgl. Wang: E-Books mit EPUB. Seite 18ff. ↩︎
  7. Vgl. Henzler & Kern: Mobile Publishing. ↩︎
  8. Vgl. International Digital Publishing Forum (IDPF) 2010: Open Packaging Format (OPF) 2.0.1 v1.0.1. http://www.idpf.org/epub/20/spec/OPF_2.0.1_draft.htm; Wang: E-Books mit EPUB. Seite 219-247. ↩︎
  9. Vgl. International Digital Publishing Forum (IDPF) 2010: Open Publication Structure (OPS) 2.0.1 v1.0.1. http://www.idpf.org/epub/20/spec/OPS_2.0.1_draft.htm; Wang: E-Books mit EPUB. Seite 249-334. ↩︎
  10. Vgl. International Digital Publishing Forum (IDPF) 2014: EPUB Open Container Format (OCF) 3.0.1. http://www.idpf.org/epub/301/spec/epub-ocf.html; Wang: E-Books mit EPUB. Seite 335-342. ↩︎
  11. Vgl. Apel: E-Books mit InDesign CC. ↩︎
  12. Vgl. Kern, Fabian 2013: EPUB3 vs. KF8: Möglichkeiten und Grenzen im Vergleich. http://www.smart-digits.com/2013/10/epub3-vs-kf8-moeglichkeiten-und-grenzen-im-vergleich/ ↩︎
  13. Görlich: Vom Manuskript zum E-Book. Seite 120. ↩︎
  14. Vgl. Kern: EPUB3 vs. KF8: Möglichkeiten und Grenzen im Vergleich. ↩︎
  15. Vgl. Görlich: Vom Manuskript zum E-Book. Seite 120. ↩︎
  16. Vgl. buchreport 2014: Wenn der Pelikan wieder fliegt. https://www.buchreport.de/2014/11/10/wenn-der-pelikan-wieder-fliegt/ ↩︎
  17. Vgl. Digital Publishing Interest Group 2016: Main Page. https://www.w3.org/dpub/IG/wiki/Main_Page ↩︎

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