2.4 Optimierung

2.4 Optimierung

2.4.1 XML first-Workflow

Wenngleich sie bisher nicht zu den Kernkompetenzen eines Publikumsverlages gezählt hat, gewinnt die Produkt- beziehungsweise Formatentwicklungskompetenz zunehmend an Bedeutung: Eine effiziente Medienproduktion großen Umfanges, die in verschiedenen Publikationsformaten mündet, gelingt nur in einer medienneutralen Produktion beziehungsweise mit einem XML first-Workflow. Diese muss von ganzheitlichen Umstrukturierungen der Workflows über alle Abteilungen und Bereiche hinweg begleitet werden; Entsprechende Maßnahmen müssen in der Geschäftsführung beschlossen und von dort instruiert werden, schließlich betreffen die Veränderungen im Zuge eines XML first-Workflows alle in die Medienproduktion involvierten Mitarbeiter.

Versteht der Verlag die Herstellung medienneutraler Inhalte als Content-Creating-Kompetenz – die Auswirkungen auf den Produktionsprozess legen diesen Schluss nahe – so gehört auch die semantische Markierung zu den Leistungen des Verlags innerhalb des Herstellungsprozesses. Will der Verlag den Autor nicht zu dieser Auszeichnungsarbeit zwingen oder einen Autor ablehnen, der nicht prozessorientiert oder mit den vorgegebenen Programmen arbeitet, so muss sie im Verlag erfolgen. Die prädestinierteste, weil inhaltlich-literarisch kompetenteste Abteilung für diese Aufgabe ist das Lektorat.

Lektoren müssen für die medienneutrale Produktion sensibilisiert und in semantischer Markierung geschult werden, insbesondere wenn sie sich in diesem vermeintlich zu technischen Feld nicht kompetent fühlen. Hilfreich ist die Tatsache, dass sie und auch Autoren, durch die Nutzung eines Texteditors bereits Text markieren, also die Voraussetzungen einer medienneutralen Produktion grundsätzlich erfüllen ohne möglicherweise davon zu wissen. Im Idealfall wächst unter Verlagsmitarbeitern langfristig ein Bewusstsein für die Notwendigkeit ausgezeichneten Inhalts sowie die Vorteile eines optimierten XML first-Workflows.

Ganz konkret bedeutet die Umstrukturierung auf einen XML first-Workflow außerdem die Unantastbarkeit eines einmal in XML erstellten und freigegebenen Manuskripts: Es dürfen keine Änderungen am Inhalt während der medienspezifischen Herstellung erfolgen. Höchste Disziplin in diesem Punkt garantiert die späteren Herstellungsprozesse beider Publikationsformen. Autoren müssen zwar nicht um das Recht der Imprimatur beraubt werden, dennoch mit Hintergrundwissen über den Aufwand einer medienspezifischen Korrekturschleife, die den XML first- zu einem XML last-Workflow degradiert, verfügen oder vertraglich von späteren Eingriffen in den Inhalt abgehalten werden: Es gibt einen gewissen Druck auf Verlage, die teilweise barock anmutenden Korrekturprozesse, die man Autoren gewährt hat, zu überdenken.1

In diesem Zusammenhang ist das bereits erwähnte, verlagseigene Content-Management-System hilfreich und vereinfacht die gesamte Medienproduktion: Es beinhaltet neben einem Texteditor zur semantischen Markierung und einer automatisierten Kontrolle der XML-Strukturgrammatik idealerweise auch eine Verwaltungsfunktion zur Speicherung aller Metadaten. Dadurch ist ein Varianten- und Versionsmanagement möglich, das nicht nur die Qualität der ersten Publikation maßgeblich beeinflusst sondern auch die Produktionsgeschwindigkeit jeder weiteren Auflage erhöht. Je einfacher dieses CMS in seiner Bedienung ist, desto mehr Mitarbeiter profitieren davon, beispielsweise sogar etablierte Autoren: Sie zeichnen ihren Text im CMS nach den Verlagsvorgaben aus, erstellen einen druckbaren oder digitalen Grobumbruch zur Durchsicht selbst, nehmen Korrekturen eigenständig vor und – die technische Möglichkeit vorausgesetzt – arbeiten mit Lektoren oder Co-Autoren online und kollaborativ am Publikationsprojekt, so wie es junge Autoren teilweise bereits heute tun:

„Nachwachsende Autoren werden nicht einsehen, warum sie ausgerechnet bei der Zusammenarbeit mit einem Verlag auf umständlichere Werkzeuge und Arbeitsweisen setzen sollen als im Alltag.“2

Ein solches CMS dämmt auch den Einfluss überwiegend verwendeter Programme ein: Durch die eben beschriebenen Möglichkeiten erfüllt ein verlagseigenes Produktionstool bereits alle Anforderungen, denen Word nicht gerecht wird. Kombiniert mit einem XML-Editor im Hintergrund, der auf den reibungslosen XML-Import in InDesign ausgelegt ist, sinken die Auswirkung des Programms auf die medienneutrale Produktion, sofern es ausschließlich für die medienspezifische Produktion des Buches eingesetzt wird. Die E-Book-Herstellung funktioniert auf der Grundlage von XML weitgehend automatisiert und kommt ohne Sigil aus. Die einzig verbleibende Unsicherheitsfaktor, der Übergang von XML in InDesign, muss notfalls mit Skripten oder manuellen Eingriffen erfolgen – schließlich hängt die gesamte medienneutrale Produktion an dieser Sollbruchstelle. Ob alternative Softwarelösungen, wie beispielsweise Affinity Publisher, langfristig die Monopolstellung von InDesign torpedieren und eine praktikablere Lösung anbieten können, bleibt abzuwarten.

Von dieser Lösung profitiert auch die Herstellung des gedruckten Buches. Zwar kann der manuelle Feinumbruch nur unter dem Verzicht auf typografische Genauigkeit vernachlässigt werden – die Printherstellung wird also auch in Zukunft viel Zeit in Anspruch nehmen – aber sie kann parallel zur E-Book-Herstellung erfolgen. Beide Prozesse verkürzen sich zudem, weil sie nicht durch nachträgliche Korrekturen unterbrochen werden. Eine medienneutrale Produktion reduziert zwar den Fokus auf die Herstellung des gedruckten Buches, sie fördert gleichzeitig jedoch die Produktion beider medienspezifischen Formate als zentralen Bestandteil innerhalb eines Publikumsverlages – die Produkt- beziehungsweise Formatentwicklungskompetenz gehört in Zukunft zweifelsohne zu dessen Kernkompetenzen und sichert die Qualität verlegerischer Kulturarbeit.3

2.4.2 Kommunikation

Die Umstrukturierungen bedeuten immer finanziellen und organisatorischen Aufwand, sie erfolgen aber schließlich unter der Prämisse der Optimierung und Verbesserung der bisherigen Organisationsarchitektur. Die Digitalisierung erzeugt einen so weitreichenden Wandel im Speziellen für die Buchbranche, dass Verunsicherungen, Misstrauen und Furcht grundsätzlich berechtigt sind. Gleichzeitig muss es die zentrale Aufgabe aller Mitarbeiter sein, sich dem digitalen Wandel zu stellen, seine Auswirkungen zu antizipieren und das eigene Handeln entsprechend auszurichten. Die Flucht in eine falsche Debatte um den Bestand lang erlernter Strukturen ist wenig hilfreich, geschweige denn zielführend – insbesondere im Lektorat, dessen Tätigkeit auch langfristig ohnehin nicht automatisierbar und demnach wenig gefährdet ist.4

Die Vermutung liegt nahe, dass es auf oberster Verlagsebene an weitreichenden Digitalkonzepten mangelt. Die Geschäftsleitung muss ihrer Kommunikationspflicht gegenüber ihren Mitarbeitern nachkommen: Ohne ein umfassendes, transparentes Konzept gelingt keine vertrauensvolle Kommunikation auf dem Weg zu einer überzeugenden Antwort auf die Digitalisierung. Jedem Mitarbeiter muss klar sein oder gemacht werden, dass die Maßnahmen nicht als Reaktion auf ein sich wandelndes Hierarchieverhältnis zwischen den Akteuren auf dem Buchmarkt verordnet werden, sondern vor allem aus Gründen der Optimierung der eigenen Produktionsqualität und Konkurrenzfähigkeit. Die nötigen Veränderungen müssen mit den Mitarbeitern hinreichend kommuniziert und diskutiert werden, um die versprochenen Ziele und erhofften Vorteile zu verdeutlichen: Auch wenn die Erträge dieser Veränderungen, beispielsweise im Lektorat, kurzfristig unsichtbar bleiben, so kommen sie dem Verlag mittelfristig in der Vermeidung zusätzlicher Arbeitsschritte oder ablaufbedingter Fehler und langfristig in der Optimierung der Datenqualität und der Verwertungskette auch finanziell zu Gute. Schließlich sind keinem Lektor fehlende Zeilen in einem seiner betreuten Bücher gleichgültig, insbesondere wenn sie durch ein optimiertes Qualitätsmanagement hätten verhindert werden können.5


  1. Kraetke: Interview am 16.10.2016. ↩︎
  2. Passig: „Alles handschriftlich und auf Papier“ – Lektoren lieben’s analog. ↩︎
  3. Vgl. Lobo: Allgemeine Feststellungen zur Buchsituation. ↩︎
  4. Vgl. Radio Bremen 2016: Job-Futuromat. http://job-futuromat.ard.de ↩︎
  5. Vgl. Martenstein, Harald 2016: Über böse Fallen beim Büchermachen. http://www.zeit.de/zeit-magazin/2016/44/buecher-schreiben-korrekturen-harald-martenstein ↩︎

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