2.3 Kritik

2.3 Kritik

Seit der Erfindung des Buchdrucks vor 500 Jahren ist das Buch das favorisierte und unangefochtene Endprodukt verlegerischen Handelns. Diese Zwangsläufigkeit ist ein Grund, weshalb sich Prozessabläufe und Handlungskompetenzen in der Verlagsbranche über Jahrhunderte derart konstituieren und manifestieren konnten. Im Zuge der Digitalisierung hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten zunächst die Buchproduktion verändert: Inhalte entstehen seither am Computer; neue Satz- und Drucktechnologien bestimmen die Herstellung. Plötzlich etabliert sich neben dem Buch langsam außerdem ein zweites Publikationsmedium: das E-Book. Diesem Wandel zum Trotz haben sich die Prozessabläufe in deutschen Publikumsverlagen bisher nicht substanziell modifiziert. Das Zielmedium ist nach wie vor das Buch, obwohl das E-Book hinsichtlich der Publikationsmenge beinahe aufgeschlossen hat. Die Umfrageergebnisse haben gezeigt, dass die Workflows nach wie vor und in überwiegendem Maße printorientiert sind. An dieser Stelle offenbart sich, dass es den Verlagen an einer Produkt- beziehungsweise Formatentwicklungskompetenz mangelt, schließlich gehört diese nicht zu ihren Kernkompetenzen: Verlage scheitern an der Umstrukturierung ihrer Workflows, sie sind auf die eingangs erwähnte Transformation tatsächlich nicht vorbereitet.

2.3.1 Medienneutralität

Produzieren große Publikumsverlage neben dem Buch ein zweites Medium – und sie haben sich offenbar entschieden, dies in großem Umfang und teilweise ausschließlich zu tun – sind ihre aktuellen Prozessabläufe diesem Wandel nicht gewachsen. Die medienneutrale Produktion ist die prädestinierteste Antwort auf strukturelle Veränderungen, auch weil der veröffentlichte Inhalt in beiden Publikationsformen identisch ist. Zudem wird ein XML first-Workflow bei der Produktion von Digital-First- und Digital-Only-Publikationen obligatorisch, weil er dem Digitalprodukt näher ist als der Printpublikation. Für einen Verlag hat das weitreichende Folgen: Die Herstellung der Form emanzipiert sich von der Produktion des Inhalts; Das Lektorat und die Herstellung agieren bezüglich ihrer Handlungskompetenzen nacheinander und voneinander unabhängig.

Eine medienneutrale Produktion ist dann verfehlt, wenn der Inhalt zum Beispiel zwar in XML produziert, aber während eines medienspezifischen Herstellungsprozesses verändert wird, das macht einen vermeintlichen XML first-Workflow schließlich zu einem üblichen XML last-Workflow, in dem ein Publikationsmedium priorisiert wird. Fließen die Korrekturen anschließend nicht in den zentralen Datenbestand zurück oder existieren die zuletzt vorgenommenen Änderungen nur in einem medienspezifischen Format, sind alle zuvor noch so neutral produzierten XML-Daten wertlos.1

Die Optimierung des Workflows ist zudem mit erheblichen Kosten verbunden: Leistungsfähige Programme mit teuren Lizenzen sind ebenso nötig wie deren Anpassungen an individuelle Strukturen und Produktreihen des jeweiligen Verlags. Sie können monatelange oder sogar jahrelange Arbeit erfordern, insofern sind strukturelle Veränderungen solchen Ausmaßes eher für große Publikumsverlage relevant. Kleine Verlage, insbesondere jene, in denen die E-Book-Herstellung eine untergeordnete Rolle spielt, sind von der Notwendigkeit einer medienneutralen Produktion weniger betroffen, wenngleich sie auch dort von Vorteil ist.2

2.3.2 Semantische Markierung

Die Voraussetzung einer medienneutralen Produktion ist die semantische Markierung während der Produktion des Inhalts: Dieser muss einmalig, vollständig und hochwertig produziert werden, um ihn in späteren Herstellungsprozessen in verschiedene Formen zu verpacken. Eine gute Semantik garantiert beispielsweise die Barrierefreiheit des Inhalts. Autoren legen jedoch keinen gesteigerten Wert auf die Auszeichnungsarbeit, immerhin reichen die angelieferten Inhalte vom perfekt aufgebauten Word-Dokument bis hin zum handgeschriebenen Papiermanuskript3. Allerdings wird die semantische Markierung auch nicht von ihnen verlangt: Aus Rücksicht auf die Freiheit des Autorgenius drängen Verlage ihre Schriftsteller nicht zur semantischen Markierung eingereichter Manuskripte – und das offenbar aus gutem Grund:

„Kein Verlag, der bei Trost ist, wird einen gut verkaufenden Belletristikautor dazu nötigen, in einem bestimmten Prozess zu arbeiten. Es wäre auch nicht sinnvoll, denn die Funktion, die ein Romanautor hat, ist das Schreiben von Bestsellern.“4

Autoren wissen um die hier beschriebene Abhängigkeit der Verlage und die daraus resultierende eigene Machtposition. Die von den Schriftstellern eingereichten Manuskripte müssen demzufolge in einem zusätzlichen Arbeitsschritt gegebenenfalls zunächst digitalisiert, korrekt semantisch markiert und in ein medienneutrales Format konvertiert werden, um einen XML first-Workflow überhaupt zu ermöglichen. Dieser Aufgabe müsste das Lektorat als Bindeglied zwischen Verlag und Autor nachkommen und auch aufgrund der literarischen Bedeutung dieses Prozesses. Allerdings ist die Überzeugung hinsichtlich der Notwendigkeit einer semantischen Auszeichnung und die Bereitschaft der Mithilfe der dortigen Mitarbeiter mindestens fraglich, mutmaßlich äußerst gering.5

In der Krux in einer medienneutralen Produktion hinreichend ausgezeichneten, semantisch markierten Inhalt produzieren zu müssen und der ungeklärten Frage, zu welchem Zeitpunkt und durch wen dieser Prozess erfolgen soll, liegt ein fundamentales Problem der Anpassung und Umstrukturierung bestehender Workflows. Speziell deshalb, weil die zuständigen Abteilungen nicht bereit sind, ihre Arbeitsmethoden im Hinblick auf ein regelbasiertes Arbeiten zu verändern und ihre Handlungskompetenzen entsprechend einzuschränken.6

2.3.3 Programmschwächen

Das bevorzugte Schreibprogramm der Autoren ist Word, das von Seiten des Herstellers Microsoft jedoch nie für die strukturierte Texterfassung vorgesehen war. Entsprechend ist die Konvertierung selbst strukturierter Manuskripte in ein medienneutrales Format wie XML aufgrund der unterschiedlich eingesetzten Formatvorlagen kompliziert und erfordert einen zusätzlichen Arbeitsschritt. Fabian Kern stellt diesbezüglich eine entsprechend niederschmetternde These auf:

„Wir hätten wahrscheinlich 90% aller Probleme in der Produktion von Inhalt nicht, wenn Word nicht so ein unzureichendes, mieses Tool wäre. Es wird aber leider überall genutzt.“7

Ein weiteres, in nahezu allen Workflows eingesetztes Programm ist InDesign – auch das hat die Umfrage gezeigt. Es ist für die Buchproduktion unabdingbar und wird auch im XML first-Workflow für die E-Book-Herstellung eingesetzt, hat jedoch einige Schwächen: Der zentrale Datenbestand in XML muss mit spezifischen Attributen für den InDesign-Import ausgestattet sein; Das verwendete XML-Schema muss minimalistisch sein, um eine reibungslose Überführung zu garantieren;8 Die spätere Bearbeitung ist fehleranfällig, weil InDesign Korrekturen im WYSIWYG-Satz nur bedingt in die darunter liegende XML-Struktur überträgt;9 Die Arbeit mit InDesign erfordert viele manuelle Eingriffe oder den Einsatz spezielle Skripte für einen reibungslosen Ablauf;10 Der häufige Einsatz von Sigil verdeutlicht, dass eine nachträgliche Anpassung eines exportierten E-Books immer nötig ist. Das Urteil von Martin Kraetke fällt entsprechend hart aus:

„Wenn man InDesign als Satzsystem verwendet – und 99% aller Publikumsverlage tun das – ist XML first immer eine schlechte Lösung, einfach weil InDesign selber so wenig kann.“11

Theoretisch bringt die medienneutrale Produktion erhebliche Vorteile für die gesamte Verlagsherstellung. Die verwendeten Programme sind für einen XML first-Workflow jedoch wenig geeignet und stellen sogar ein Hindernis etwaiger Umstrukturierungen dar. Sie dominieren den jeweiligen Markt und gerade das erschwert die Situation zusätzlich: Die Programme werden überwiegend aufgrund ihrer Popularität – im Fall von Microsoft – und aus Mangel an Alternativen – im Fall von InDesign – von allen Akteuren verwendet. Die Etablierung eines vollautomatisierten XML first-Workflows scheitert diesbezüglich nicht etwa am XML-Format, sondern womöglich an den verwendeten Programmen.

Sofern Word und InDesign verwendet werden und die Prozessabläufe und Handlungskompetenzen unverändert bleiben, ist ein XML first-Prozess nicht sinnvoll. Wird der Inhalt hingegen bei seiner Entstehung ausgezeichnet und die finale Version vor einer medienspezifischen Herstellung erzwungen, bringt ein XML first-Workflow auch dann Vorteile, wenn die Printproduktion nicht automatisiert erfolgt: Die Argumente der Datenqualität und der Geschwindigkeit bleiben, sowohl hinsichtlich einer anschließenden, kurzfristigen Veröffentlichung als E-Book als auch einer langfristigen Weiterverarbeitung. Insofern ist der Einsatz mangelhafter Programme weniger einschränkend.

2.3.4 Digitalisierungsangst

Das Aufkommen konkurrierender Medien innerhalb sowie außerhalb des Buchmarkts einerseits und die Umstrukturierung der Prozessabläufe und Handlungskompetenzen anderseits stellen nicht nur große Verlage vor neue Herausforderungen – es handelt sich schließlich um ein globalwirtschaftliches und gesamtgesellschaftliches Phänomen.12 Aus Sorge um etablierte Gewohnheiten oder den Bestand der eigenen Tätigkeit hat sich in Deutschland eine Angst vor Veränderungen und vor Bedrohungen entwickelt, die vor allem die digitale Transformation behindert.13 Vornehmlich deutsche Unternehmen haben den Beginn des digitalen Wandels verschlafen und ihnen werden keine optimistischen Prognosen attestiert.14

Diese Ängste belasten auch die Mitarbeiter deutschsprachiger Publikumsverlage, die sich beispielsweise in der Technikskepsis gegenüber dem E-Book oder der Digitalverdrossenheit hinsichtlich automatisierter Workflows aus romantischen Gründen15 kanalisiert: Das ist keine reine Altersfrage, sondern eher eine Frage der Offenheit gegenüber Veränderungen.16 Derartige Symptome sind speziell in jener Abteilung präsent, die vermeintlich am stärksten analog funktioniert und am dichtesten am Text arbeitet – im Lektorat. Allgegenwärtig werden dort printversierte Produktionsworkflows aus Gründen der Qualität bevorzugt, die im Bewahren etablierter, buchorientierter Strukturen motiviert sind und die Anpassung an die digitale Realität verhindern, wie es Kathrin Passig formuliert: Ich wundere mich über dieses fehlende Interesse an den Werkzeugen der Textverarbeitung in einer Branche, in der der Text doch einigermaßen zentral ist.17

Wie andere Unternehmensbereiche auch müssen Organisationsstrukturen allerdings dem digitalen Wandel angepasst werden, anders sind ihre Anforderungen und Herausforderungen nicht zu bewältigen. Das bedeutet letztlich, dass automatisierbare Prozesse aus Gründen der Qualität und Effizienz irgendwann unausweichlich automatisiert werden, insbesondere wenn die Vorteile so augenscheinlich ist. Der Glaube, das eigene Gefühl für die Buchwelt sei für die Zukunft wichtiger als die digitale Realität18, ist ein verhängnisvoller Trugschluss. Aus der Perspektive der E-Book-Produktion sind printorientierte Prozessabläufe kaum nachvollziehbar, schließlich ist im Desktop Publishing heutzutage jedes Buch zunächst ein E-Book. Die Herausforderung besteht darin, den Beharrungstendenzen des Deutschen Buchhandels19 zu widerstehen, Veränderungen im Zuge der Digitalisierung zu erkennen und auf der Grundlage gesicherter Informationen Anpassungen beziehungsweise gegebenenfalls Umstrukturierungen vorzunehmen.


  1. Vgl. Kraetke, Martin 2016: Interview am 16.10.2016. (Siehe Anhang) ↩︎
  2. Vgl. Kern, Fabian 2016: Interview am 12.10.2016. (Siehe Anhang) ↩︎
  3. Wang: E-Books mit EPUB. Seite 29. ↩︎
  4. Kern: Interview am 12.10.2016. ↩︎
  5. Vgl. Passig: „Alles handschriftlich und auf Papier“ – Lektoren lieben’s analog. ↩︎
  6. Vgl. Kern: Interview am 12.10.2016. ↩︎
  7. Kern: Interview am 12.10.2016. ↩︎
  8. Vgl. Kraetke, Martin 2015: XML und InDesign I – Tücken des XML-Imports. http://www.xporc.net/2015/05/14/xml-und-InDesign-i-tuecken-des-xml-imports/ ↩︎
  9. Vgl. Kraetke, Martin 2015: XML und InDesign III – Das seltsame Doppelleben von XML und Satz. http://www.xporc.net/2015/08/27/das-seltsame-doppelleben-von-xml-und-satz/ ↩︎
  10. Vgl. Kraetke, Martin 2015: XML und InDesign II – Ein Skript hilft da, wo’s schmerzt?. http://www.xporc.net/2015/05/28/InDesign-und-xml-ii-ein-skript-hilft-da-wos-schmerzt/ ↩︎
  11. Kraetke: Interview am 16.10.2016. ↩︎
  12. Vgl. Schmidt, Holger 2016: 60 Prozent der Großunternehmen treiben digitale Transformation nicht ernsthaft voran. https://netzoekonom.de/2016/03/02/zwei-drittel-der-grossunternehmen-nehmen-die-digitale-transformation-nicht-in-angriff/ ↩︎
  13. Lobo, Sascha 2016: Fürchten Sie sich, aber richtig. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobo-kolumne-korrekte-furcht-vor-digitalisierung-a-1119363.html ↩︎
  14. Vgl. Kollmann, Tobias & Schmidt, Holger 2016: Deutschland 4.0: Wie die Digitale Transformation gelingt. Heidelberg. Seite 64. ↩︎
  15. Lobo: Allgemeine Feststellungen zur Buchsituation. ↩︎
  16. Kraetke: Interview am 16.10.2016. ↩︎
  17. Vgl. Passig: „Alles handschriftlich und auf Papier“ – Lektoren lieben’s analog. ↩︎
  18. Lobo, Sascha 2011: Kommentar zu Allgemeine Feststellungen zur Buchsituation. http://saschalobo.com/2011/10/25/allgemeine-feststellungen-zur-buchsituation/#comment-11503 ↩︎
  19. Galitz, Robert: E-Books und Enhanced E-Books. Neue Herausforderungen für Autoren und Verlage. In: Fedtke, Stephen & Reinerth, Lisa (Hrsg.) 2012: Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books. Ein pragmatischer und zielorientierter Leitfaden für die Zukunft des digitalen Buches. Wiesbaden. Seite 34. ↩︎

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