2.2 Umfrage

2.2 Umfrage

2.2.1 Prozessabläufe

Die Angaben der Publikumsverlage ermöglichen auch eine Analyse der Herstellungsprozesse und die spätere Unterscheidung in XML first- und XML last-Workflows. Sie resultiert einerseits aus der Beschreibung des Workflows und andererseits aus der Angabe der verwendeten Programme, allerdings werden in der folgenden Untersuchung lediglich jene Programme berücksichtigt, die mindestens drei Mal erwähnt wurden.1

Insgesamt nutzen 14 der befragten deutschsprachigen Publikumsverlage InDesign von Adobe, sechs von ihnen nach eigener Auskunft sogar ausschließlich. Das Layout- und Satzprogramm wird von Verlagen häufig im Bereich des Desktop Publishing zur Herstellung gedruckter Bücher verwendet. Das Editieren funktioniert nach dem Prinzip des What You See Is What You Get (WYSIWYG). InDesign wird auch in einer medienneutralen Produktionsumgebung eingesetzt, da es den Import der in XML angelegten Daten und die anschließende Herstellung des gedruckten Buches ermöglicht. Außerdem können die gesetzten Inhalte per Export als E-Book und im Datenformat InDesign Markup Language (IDML) ausgeliefert werden. Insofern kommt InDesign sowohl in einem printoptimierten XML last- als auch in einem medienneutralen XML first-Workflow zum Einsatz.2

Fünf Verlage, die an der Umfrage teilgenommen haben, kombinieren InDesign mit dem Open-Source-Editor Sigil, der insgesamt von sieben Verlagen genutzt wird. Er wird zur Produktion von E-Books verwendet und erlaubt sowohl das Editieren im WYSIWYG-Modus als auch im HTML-Code. Ein XML-Import ist in diesem Editor nicht möglich, das Importieren von Text- und HTML-Dateien hingegen schon. Für einen automatisierten XML-Workflow ist Sigil entsprechend ungeeignet. Trotzdem kommt es häufig beim notwendigen Nachbearbeiten der mit InDesign erstellten E-Books zum Einsatz. Bei diesen Workflows handelt es sich offensichtlich um XML last-Prozesse, an deren Beginn das üblicherweise für die Herstellung von Printprodukten genutzte InDesign steht.

Einen XML first-Workflow und damit eine medienneutrale Produktion ermöglicht das XML-Framework ParsX der Firma pagina. Es besteht aus einem Set von Softwaremodulen, die sowohl einen XML first- als auch einen XML last-Workflow komplementieren. Dazu gehören beispielsweise ein E-Book-Konverter, ein Adobe InDesign-Plugin und eine Strukturgrammatik nach DTD. Ursprünglich wurde parsX für die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck entwickelt und wird nach wie vor vollständig von den dort organisierten Verlagen genutzt3 – vermutlich innerhalb eines XML first-Workflows, allerdings kann dies anhand der erhobenen Daten letztlich nicht hinreichend überprüft werden.

Workflow Alle Gruppe 1 Gruppe 2 Gruppe 3 Gruppe 4 Gruppe 5
XML first 11 1 0 4 2 4
XML last 22 3 6 4 6 3

Obwohl alle Verlage in Gruppe 1 ausschließlich digital publizieren, verwenden drei von ihnen mit InDesign ein Layout- und Satzprogramm und damit einen im Ansatz für gedruckte Publikationen optimierten XML last-Workflow. Der Inhalt wird mit InDesign zwar lediglich in ein E-Book-Format konvertiert, Digitalverlage nehmen trotzdem einen eigentlich unnötigen Zwischenschritt auf dem Weg zum digitalen Produkt in Kauf. Das verdeutlicht einerseits die umfangreiche Verwendbarkeit von InDesign und anderseits das Marktmonopol des Programms beziehungsweise die Abwesenheit einer gleichwertigen Alternative, insbesondere für die Herstellung digitaler Publikationen.

Durch die hohen Anschaffungs- und Implementierungskosten jener Programme, die einen XML first-Workflow ermöglichen, amortisiert sich der Investitionsaufwand erst ab einer bestimmten Publikationsmenge. Deshalb entwickeln vor allem kleine Verlage aus den Gruppen 1 und 2 mit geringen Mengen jährlicher E-Book-Publikationen einen aus mehreren Programmen bestehenden, möglichst kostengünstigen XML last-Workflow: InDesign, das ohnehin für die Herstellung gedruckter Bücher verwendet wird, und Sigil sind die Anwendungen der Wahl. So entstehen in der E-Book-Herstellung keine zusätzlichen Kosten – zumindest nicht durch die Anschaffung teurer Programme.

In Gruppe 4 überwiegen ebenso die XML last-Prozesse. Die Verlage dieser Gruppe bewältigen einen Produktionsumfang von 151 bis 300 E-Books im Jahr. Der Einsatz eines XML first-Workflows wäre daher zumindest gerechtfertigt, immerhin geben sechs von acht Verlagen an, mindestens 90% ihrer Print-Neuerscheinungen auch als E-Book zu veröffentlichen. Rein quantitativ sind beide Publikationsmedien in diesen Verlagshäusern also beinahe gleichauf.

In Gruppe 5 überwiegen erwartungsgemäß zwar die XML first-Workflows, dennoch produzieren drei der befragten Verlage mit InDesign innerhalb eines XML last-Prozesses bei immerhin über 300 E-Books im Jahr. Auch in Verlagen, in denen sich der Umfang für einen XML first-Workflow bereits lohnen würde, gibt es offenbar Widerstände gegen eine Umstrukturierung oder Probleme bei der Umstellung auf eine medienneutrale Produktion. Entsprechend geben sechs Verlage aus den Gruppen 4 und 5 an, Probleme bei der Optimierung ihrer Prozessabläufe beziehungsweise bei der Umstellung auf einen XML first-Workflow (zwei Nennungen) zu haben.4

2.2.2 Digital First / Digital Only

Für klassische Printverlage bedeutet die digitale Initial- (digital first) oder gar Exklusivveröffentlichung (digital only) eine Abkehr von der bisherigen Verlags- und insbesondere der Herstellungstradition.5 Ein optimaler Prozessablauf für derartige Publikationen sieht mindestens eine medienneutrale Produktion vor, immerhin würde die Verwendung von Layout- und Satzprogrammen die hier unnötigen Schritte auf dem Weg zu einer Printpublikation beinhalten, wenngleich eine kritische Menge an Publikationen auch hier erforderlich ist.

Digital First / Digital Only Alle Gruppe 1 Gruppe 2 Gruppe 3 Gruppe 4 Gruppe 5
Ja 30 4 8 5 7 6
Nein 6 0 1 3 1 1

30 der insgesamt 36 befragten Verlage geben an, auch Digital-First- und Digital-Only-Publikationen zu veröffentlichen. Das Ergebnis spiegelt mindestens die Bereitschaft wider, digitale Initial- oder gar Exklusivveröffentlichung zu konzipieren und sie in die publizistischen Aktivitäten des Verlags zu integrieren, wenngleich das keinen Aufschluss darüber zulässt, ob es sich bei den digitalen Veröffentlichungen um mehrere aufwendig konzipierte Digital-Only-Publikationen handelt oder um einen einmaligen, kleinen Testlauf mit digitalen Vorableseexemplaren.


  1. Siehe Anhang 2, Frage 18: Nach welchem Workflow verläuft die Herstellung eines E-Books? & Frage 16: Mit welchem Programm / Converter wird das E-Book erstellt? ↩︎
  2. Vgl. Görlich, Robert: Vom Manuskript zum E-Book. Softwarewerkzeuge. In: Fedtke, Stephen & Reinerth, Lisa (Hrsg.) 2012: Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books. Ein pragmatischer und zielorientierter Leitfaden für die Zukunft des digitalen Buches. Wiesbaden. Seite 132ff. ↩︎
  3. Vgl. pagina: Das XML-Framework für kleine und mittelständische Buchverlage. http://www.pagina-online.de/produkte/parsx/?L=0 ↩︎
  4. Siehe Anhang 2, Frage 20: Welche Probleme / Themen beschäftigen Sie und den Verlag derzeit bezüglich der Herstellung von E-Books? ↩︎
  5. Siehe Anhang 2, Frage 7: Gibt es Digital-First- oder Digital-Only-Publikationen? ↩︎

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