1.1 E-Book

1 Grundlage

1.1 E-Book

Der Begriff E-Book steht seit 2004 als Abkürzung des Anglizismus Electronic Book im deutschen Rechtschreibduden. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist damit die digitale Version eines Buches gemeint, auch wenn der Duden ein Elec­t­ro­nic Book irrtümlicher Weise auch als ein tragbares digitales Lesegerät1 definiert. Aus technischer Perspektive ist ein E-Book lediglich eine Datei, die digitale Informationen speichert und als geschlossenes Containerformat, als Trägermedium dient: Es konserviert die Inhalte des Produzenten und transportiert sie zum Rezipienten über räumliche und zeitliche Entfernungen hinweg. Strukturell unterscheidet sich das E-Book also nicht vom gedruckten Buch, das schließlich den selben Zweck erfüllt, allerdings mit Hilfe physischer Mittel – E-Book und Buch sind im Grunde nur zwei unterschiedliche Formate für gespeicherte Inhalte.2

Der zentrale Unterschied zwischen beiden Trägermedien besteht in erster Linie im „Aggregatzustand“ der Inhalte: Während die Informationen im Buch durch den Druck fixiert und dadurch gespeichert werden, konserviert ein E-Book verschiedene digitalisierte Medienformen elektronisch. Die Speichermöglichkeiten des E-Books sind in ihrer Vielfalt denen des gedruckten Buches beziehungsweise auf Papier überlegen, schließlich konserviert letzteres beispielsweise keine Video- oder Audioinhalte. Zudem sind die Inhalte eines E-Books in ihrer Anordnung individuell veränderbar und können durchsucht werden. Eines der großen Paradigmen des gedruckten Buches – die fixierte Anordnung druckbarer Inhalte – verschwindet damit in der digitalen Welt der E-Books. Insofern ist die Bezeichnung Elektronisches Buch oder der Definitionsansatz über die Buchhaftigkeit3 eines E-Books ebenso irreführend wie unzureichend. Aus Mangel an alternativen Bezeichnungen und als mentaler Anknüpfungspunkt in Medienwendezeiten4 ist dieser Grundgedanke dennoch durchaus nachvollziehbar.

Ein E-Book ist kein materieller Gegenstand und darin unterscheidet es sich insbesondere in den Möglichkeiten und Voraussetzungen der Rezeption vom Buch: Ein Buch ist ein autoptisches Medium, das mit den eigenen Augen und ohne weitere Technik gelesen werden kann5. Ein E-Book hingegen ist ein tertiäres Medium, ein sehr komplexes Objekt, dessen gespeicherte Informationen ohne die Verwendung weiterer technologischer Komponenten nicht verwertbar sind.6 Die Datei muss mit einer entsprechende Software gelesen und von einer Hardware dargestellt werden.

Diese Abhängigkeit macht das E-Book zum Systemgut und die nötigen Komponenten für eine Definition so elementar wie die Datei beziehungsweise das eigentliche E-Book selbst: Systemgüter weisen die Eigenschaft auf, dass der Nutzen, den eine Komponente (…) stiftet [von] der anderen Komponente abhängt und anders herum.7 Das sogenannte E-Book-System definiert vier obligatorische Komponenten der Rezeption eines E-Books.8

  1. Inhalt: Neben reinen Textinhalten kann ein E-Book auch Audio-, Bild- und Videomaterial, aber auch interaktive und dynamische Elemente enthalten.
  2. Datei: E-Books sind Dateien und gehören zur Kategorie der geschlossenen Containerformate für Inhalte. Sämtliche Inhalte – auch in Form weiterer Dateien – sind in einer Datei verpackt.
  3. Software: Entweder handelt es sich um eine Applikation auf einem multifunktionalen Endgerät, wie beispielsweise einem Tablet oder einem Smartphone, oder um eine Leseumgebung, die auf einem speziellen Lesegerät obligatorisch ist.
  4. Hardware: Gemeint ist ein Endgerät, das technisch und unter Verwendung der entsprechenden Software zur Wiedergabe von E-Books geeignet ist. E-Reader sind beispielsweise monofunktionale Spezialgeräte für das Lesen von E-Books.

Als Speichermedium für verschiedenste Inhalte ist das E-Book Teil einer Interaktion dieser Komponenten, die entscheidend dessen Beschaffenheit bestimmen und Funktionalität beeinflussen. Dieser Aspekt darf in einer Definition des E-Books, insbesondere als Grundlage für die weiteren, auf die Herstellung von E-Books bezogenen Ausführungen in dieser Arbeit, ebenso wenig fehlen wie der Hinweis auf das E-Book als Trägermedium im geschlossenen Dateiformat. Für den weiteren Verlauf wird daher folgende Definition angenommen:

Ein E-Book ist ein Trägermedium für digitale Text-, Audio-, Bild-, Video- und/oder animierte Inhalte im geschlossenen Dateiformat. Als Systemgut sind zur Rezeption ein Anwendungsprogramm (Software) und ein Endgerät (Hardware) nötig.

Die größte Schwäche dieser Definition liegt in ihrer theoretischen Verallgemeinerung beziehungsweise in der geringen Praktikabilität, immerhin gehören nach dieser Annahme auch Publikationen ohne Textelemente, Autoren- und Quelleninformationen oder Cover zur Kategorie des E-Books. In der Praxis haben sich daher andere Definitionen durchgesetzt: In einer Vereinbarung zwischen dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Verwertungsgesellschaft WORT ist ein E-Book beispielsweise die von einem Verlag angebotene, unveränderte oder im Wesentlichen unveränderte unkörperliche elektronische Ausgabe eines verlegten Sprachwerks9. Ein E-Book muss jedoch nicht notwendigerweise von einem Verlag angeboten werden, da digitale Publikationen im Internet auch per Self-Publishing auf entsprechenden Plattformen erstellt und vertrieben werden können;10 Ein E-Book muss keiner gedruckte Vorlage entsprechen und auch eine Papierversion der Publikation ist nicht obligatorisch, wie es die deutsche Bundesregierung jüngst in einem Gesetzesentwurf zur Änderung des Buchpreisbindungsgesetzes festgelegt hat;11 Ein E-Book muss außerdem kein Sprachwerk sein, sondern kann beispielsweise aus Illustrationen, Grafiken, Bildern, Videos, Animationen oder einer Kombination aus diesen bestehen.12

Die Suche nach einer Definition ist folglich als ein fortwährender Prozess zu verstehen, der dem Wandel technologischer Entwicklungen und praktischer Verlagstätigkeit unterliegt und von der jeweiligen perspektivischen Anforderungen an eine solche Definition abhängt. Der Vorteil des vorgelegten Vorschlags offenbart seine Stärken vor allem in den folgenden Kapiteln während der Analyse der Arbeitsprozesse und der Formatfrage.


  1. Bibliographisches Institut GmbH 2016: E-Book, das. http://www.duden.de/rechtschreibung/Electronic_Book ↩︎
  2. Vgl. buchreport 2013: Volker Oppmann: Was ist ein Buch?. http://www.buchreport.de/blog.htm?p=3246 ↩︎
  3. Vgl. Armstrong, Chris 2008: Books in a virtual world: The evolution of the e-book and its lexicon. http://eprints.rclis.org/12277/1/Armstrong_BooksinaVirtualWorld_JOLIS.pdf ↩︎
  4. Frohmann: Dies ist keine Polemik. Eine neue Version von ‘Dies ist kein Hipstergelalle’. ↩︎
  5. Jochum, Uwe 2014: Medienkörper. Wandmedien Handmedien Digitalia. Göttingen. Seite 15. ↩︎
  6. Vgl. Hagenhoff, Svenja: Produktpflege. In: Fedtke, Stephen & Reinerth, Lisa (Hrsg.) 2012: Erfolgreich publizieren im Zeitalter des E-Books. Ein pragmatischer und zielorientierter Leitfaden für die Zukunft des digitalen Buches. Wiesbaden. Seite 227. ↩︎
  7. Hagenhoff: Produktpflege. Seite 228. ↩︎
  8. Vgl. Nienhaus, Andrea 2014: Was ist das E-Book-System?. http://www.andreanienhaus.de/2014/07/26/was-ist-das-e-book-system ↩︎
  9. Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. & Verwertungsgesellschaft WORT 2011: Vereinbarung zur Regelung der Vergütung von Ansprüchen nach § 1371 Abs. 5 Satz 1 UrhG für den Printbereich. http://www.boersenverein.de/sixcms/media.php/976/Merkblatt_unbekannte_Nutzungsarten.pdf ↩︎
  10. Vgl. Graef, Ralph Oliver 2016: Recht der E-Books und des Electronic Publishing. München. Seite 5. ↩︎
  11. Vgl. Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland – Die Bundeskanzlerin 2016: Entwurf eines Zweiten Gesetzes zur Änderung des Buchpreisbindungsgesetzes. http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/080/1808043.pdf ↩︎
  12. Vgl. Graef: Recht der E-Books und des Electronic Publishing. Seite 4f. ↩︎

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.